Von Walter F. Kleffel

ich werde den Deutschen Fußball-Bund verklagen. Entweder wegen Beleidigung oder wegen Betruges. Das weiß ich noch nicht genau. Straftatbestand zu eins wäre, daß er mich für so dumm hält, noch an die These vom Fußballamateur zu glauben, Straftatbestand zu zwei, daß er noch immer von einem Fußball-„Sport“ spricht und demgemäß alle Erleichterungen und Vergünstigungen von seiten der öffentlichen Hand in Anspruch nimmt, die eigentlich für ganz andere Zwecke im Sport gedacht sind als für Gladiatorenkämpfe und Zirkusspiele.

Da hat neulich ein sehr indiskreter Fotoreporter einer großen illustrierten Zeitschrift sein Objektiv auf einige interessante Männer und einige nicht minder, industrielle und kaufmännische Unternehmungen gerichtet, die es verdienten, einmal recht genau unter die Lupe der Steuerbehörde genommen zu werden. Seine Bilder und der kurze Text darunter haben tief hinter die Kulisse des deutschen Fußballs geleuchtet.

Was sich im deutschen Fußball-„Sport“ tut, hat nur noch wenig mit Sport zu tun. Es ist traurig, daß sich ehrenwerte Industrielle und Kaufleute für diese Art des Sportes hergeben und wahrscheinlich noch stolz darauf sind, als Mäzene des „Sportes“ gefeiert zu werden. Ob sie nicht vielleicht in Wirklichkeit nur auf den kommenden Vollberufsspieler spekulieren, durch den sie dann als die Fußballaktionäre von morgen zusätzliche Riesensummen zu ihrem sonstigen Einkommen verdienen werden?

Ich habe für alle diese „Auch-Sportler“ nur Mitleid, und was sie über mich denken, interessiert mich nicht im geringsten. Wenn einer kommen sollte und meint, ich sei ein Dummkopf, weil ich noch immer an die Anständigkeit im Sport glaube und an einen Amateurismus, der vielleicht mal um 1900 herum existiert haben möge, so rührt mich das auch nicht. Jener unbekannte „überdurchschnittliche Fußballspieler (Mittelstürmer)“, der in der Anzeige gesucht wird – er kann mir eigentlich leid tun. Denn was ist schon ein „bisheriger Bezirks- oder Verbandsklassespieler und Handwerker (Schlosser, Schmied oder Tischler), dem Dauerbeschäftigung und Unterkunft gewährleistet wird“, gegenüber den Stürmern des Fußballklubs Preußen-Münster, deren sich die Westfalia-Brauerei so liebevoll angenommen hat... Was in Münster die Bierbrauer machen, tun in Aachen die Herren der Textilbranche und der Schirmfabrikation bei der dortigen Alemannia. Die alte rheinische Kaiserstadt ist ein wahres Dorado für Fußballer, denen der „Industrierat“ hochherziger Gönner und Förderer ist. Da bietet man, ähnlich unserem Inserat aber natürlich viel großzügiger und lukrativer, den „Wandervögeln“ unter unseren Vertragsspielern Lebensstellungen an, legt ihnen in ihre Luxuswohnungen Perserteppiche, stellt Klubsessel auf, in denen sie sich von ihrem anstrengenden Leben ausruhen können, oder baut schließlich auch noch einem „Alemannen“ direkt am Bahnhof, also in der besten Gegend der Stadt, einen hübschen Tabakwarenpavillon auf. Wo Aachen liebt, dürfen Köln; Bremen, Hamburg, Kaiserslautern und so fort kreuz und quer durch die Bundesrepublik nicht hassen. So wird der Nationalspieler Mebus Sportlehrer bei der Westdeutschen Kaufhaus AG, die sich besonders des FC Köln angenommen hat, Morlock aus Nürnberg erhält eine Fußball-Totoannahmestelle, die ihm in der Saison mindestens 1800 DM Reingewinn abwerfen soll, Pöschl vom Fußballverein Werder Bremen fährt als Vertreter einer Bremer Firma durch die deutschen Lande, wenn er sich nicht gerade auf Auslands-Spieltournee befindet oder im sonnigen Süden, auf der Fischerinsel Capri, erholt. Das sind nur wenige Beispiele.

Der Vertragsspieler also ist ein ausgesprochener Berufs-, besser gesagt Arbeitssportler, was nicht mit Arbeitersportler zu verwechseln ist. Die waren reine Idealisten, wahre Amateure, die sich in früheren Zeiten sehr vorteilhaft von den Angehörigen der sogenannten bürgerlichen Vereine unterschieden, die leider das Startzeichen zu dem Rutsch in den Abgrund gaben. Natürlich sind Namen wie Preißler, Morlock, Pöschl‚ der Industrierat, die Kaufhaus AG und Brauers Schirmfabrik nur Synonyma, man könnte ebensogut auch andere Namen und andere Privatunternehmungen und Stadtverwaltungen benennen. Dem Scheine nach haben natürlich alle Spieler einen Beruf, mögen sie nun Chauffeure ihrer Arbeitsgeber, Bürodiener, Leiter von Totoannahmestellen, Vertreter, Sportlehrer oder „selbständige“ Kaufleute sein. Der Fußballspieler-Vertrag ist nur für die Steuerbehörde bestimmt und ein Teil der Bezahlung wird anderweitig untergebracht. Diese Art der Bezahlung genießen auch die sogenannten „Amateure“, und es ist wirklich ein tolles Stück, wie die Vertragsspieler „reamateurisiert“ werden, oder wie man ihren Vertrag hinausschiebt, damit sie „noch als Amateure auftreten können.