Carlo Còccioli: Himmel und Erde. Roman (Übersetzt von Fritz Jaffé, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 417 S., Leinen 12,80 DM)

Wahrscheinlich kann kein Mensch es ertragen, über das Innenleben eines anderen Bescheid zu wissen. Hier liegen die Wurzeln unserer Einsamkeit.“ Der einzige, der die Vorgänge, die zutiefst in uns verborgen bleiben sollten, erfährt und bewahrt, ist der Priester, zu dessen erhabensten Pflichten es gehört, die Beichte abzunehmen und ihr Geheimnis niemals preiszugeben. Er ist, besonders in der katholischen Kirche, – in gewandelter Form auch bei den Protestanten, der Mittler zwischen Himmel und Erde, obgleich ein Mensch wie wir. Dennoch wird von ihm, ohne daß wir uns Gedanken darüber zu machen pflegen, verlangt und vorausgesetzt, daß er uns vorlebt, doppelt gebunden durch seine Weihen, was uns im Dasein als Ziel und Wunschbild vorschwebt: innere Ausgeglichenheit, ein festgefügter Glaube und die Selbstaufgabe aus Liebe.

„Himmel und Erde“ ist der Titel eines außerordentlichen Romans, der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Carlo Còccioli, ein einunddreißigjähriger Italiener, hat die fast übermenschlichen Auseinandersetzungen eines Geistlichen mit seiner Umwelt, vor allem aber mit sich selbst (mit „Satanas, dem Verführer“), zum Vorwurf genommen. Ein gewagtes Unterfangen in einer so oberflächlichen, schnellebigen Zeit wie der unseren. Indessen – Còccioli bewältigt mühelos das religiöse Thema und zwingt es in die gelockerte Form eines geschliffenen Romans. „Wie eine von oben gesehene Pyramide“ erscheint uns der Aufbau. Die Grundfläche verschwimmt ein wenig, die Begebenheiten der ersten Zeit stehen nicht immer einwandfrei fest. Sie werden aus Dokumenten, Briefen oder Brieffragmenten und einem Tagebuch zusammengefügt und lassen auf diese Weise die Persönlichkeit des Priesters, Don Ardito Piccardi, im vielfältig gebrochenen Licht der Meinungen seiner Umgebung deutlich werden. Der zweite Abschnitt seines Lebens, die Jahre von 1936 bis 1943, die sich immer mehr zuspitzende Pyramide dieses Lebenslaufes, ist in der geschlossenen Darstellungsform des Romans geschrieben, während der dritte Teil, den der Dichter erzählt, als wäre er selbst dabei gewesen, die tragischen Vorgänge in den Dezembertagen 1943 schildert, in denen sich das Schicksal des Priesters erfüllt. Der Gipfel der Pyramide ist erklommen.

„Auf dem Seminar haben ihn Lehrer und Schüler geschätzt, aber niemand hat ihn gern gemocht“, schreibt der alte Lehrer Don Arditos an seinen Amtsbruder. Ardito mußte seinen Weg allein gehen, hart, asketisch, ohne Erbarmen mit sich selbst, aber auch ohne Erbarmen für seine Mitmenschen. Der Himmel, den er sieht, trägt das Signum menschlicher Baumeister. Darum kasteit er sich, immer im Kampf gegen den Satan, der sein ständiger Begleiter ist. Er verläßt sein Amt in einer reichen, frohlebigen Gegend, zieht in die Berge und lebt unter den Bauern karg wie der Ärmsten, einer, ist rastlos tätig und rastlos verfolgt. Seine übermäßigen Anstrengungen, die gläserne Härte seines Urteils, das Aufgehen in seinem Beruf, dessen Grenzen er immer wieder erkennen muß, und seine Selbstlosigkeit lassen ihn auf der einen Seite als Heiligen verehrt und auf der anderen als Ketzer gehaßt und verachtet werden. Seine Zweifel an der Unantastbarkeit der Gebote der Kirche werden übermächtig, und er fordert Gott heraus: ein Wunder, das die Bergbauern von ihm erwarten, geschieht tatsächlich, und sein Ruhm dringt weit über die engen Taler seines Sprengeis. Zugleich aber scheitert er: Durch seine Unnachgiebigkeit treibt er einen jungen Menschen, der sich hilfesuchend an ihn wandte, in den Selbstmord. Ei fühlt den inneren Bruch zwischen dem Priester in sich und dem Menschen, zwischen „dem Erdenstoff, aus dem er geschaffen ist, und den „himmlischen Hoffnungen, die jedem Menschen gegeben sind“. Er hat das Bedürfnis, der „Wirklichkeit dieses Daseins auf den Grund zu kommen und die eigene Pflicht gemäß dieser Wirklichkeit ermessen zu lernen“. Er entsagt seinem Amt, wird Leiter eines Klubs junger Adliger, die ihn verehren, aber wie einst im Priesterseminar nicht lieben können. Er schreibt religiös – philosophische Bücher, die im Italien der Jahre 1940 bis 1943 scharfe Diskussionen auslösen, aber, er muß erfahren, daß die Erkenntnis der Wahrheit und der Wirklichkeit nicht ausreicht: er liebt die Menschen in Gott, nicht Gott in den Menschen.

Die letzte Station seines Lebens, wieder das elende Bergdorf seiner ersten Jahre, läßt ihn als Höchstes und Erstrebenswertestes die Nächstenliebe suchen. Vergeblich will er seine ehemaligen Schüler, die als Partisanen im Gebirge leben, von einem Anschlag gegen eine deutsche Gruppe abhalten. Nach geschehener Tat opfert er sich für die Jungen und wird standrechtlich erschossen. Der Ring hat sich geschlossen: er hat gelernt, „nicht alles das zu verwerfen, was in uns ist“. Er liebt nicht nur das Gute, sondern auch das Böse. Er fühlt als Mensch. Ingeborg Hartmann