Es begann zum hereinbrechenden Herbst damit, daß ein Lehrer seinen zwölfjährigen Schülern das Aufsatzthema stellte: „Worauf freuen wir uns im kommenden Winter?“ Er hatte erwartet, daß die Kinder von Schneeballschlachten schreiber würden, von allem, was ein kindliches Herz seit eh und je mit dem Begriff der Winterfreuden verbindet. Drei Schüler aber lieferten Aufsätze ab, in denen andere, fremde, beinah befremdliche Töne aufklangen: „Ich habe große Angst vor dem Winter“, schrieb ein kleines Mädchen, „hoffentlich müssen wir nicht wieder so frieren...“ Und wie zur Ergänzung schrieb ein Junge: „Hoffentlich kriegen wir Kälteferien. Aber leider ist es auch bei uns zu Hause dunkel und kalt...“ Während das Töchterchen eines Arztes nüchtern feststellt: „In diesem Winter müssen viele Menschen sterben, weil mein Vater wegen Kohlenmangel seine ‚Pracksis‘ schließen muß ..“

Es sind die Gespräche der Erwachsenen über die gegenwärtige Kohlenknappheit, die solche Reaktionen auslösen. Könnte es sogar sein, daß hier ein Trauma der kindlichen Seele offenbar wird, verursacht durch das Grauen vor der Kälte und Dunkelheit jener unvergessenen ersten Nachkriegswinter?

Um diese Frage zu klären, haben zwei Studienräte einer norddeutschen Höheren Lehranstalt das Thema aufgegriffen und ihren Schülern, Unter- und Obertertianern, die ganz präzise, gleichfalls in Form eines Aufsatzes zu beantwortende Frage gestellt: „Meine Erinnerungen an die kohlenarme Zeit...“ Das Ergebnis war erschütternd und in vieler Hinsicht aufschlußreich. Es erwies sich zunächst, wie tief sich die Bilder dieser Notzeit in das kindliche Gedächtnis eingeätzt hatten:

„... ich sehe alles noch genau vor mir“, schreibt ein Obertertianer, „das kleine enge Zimmer, Wände und Decken mit einer dichten, weißen Reifschicht bedeckt. Die Kartoffeln für den Mittag sind im Kochtopf festgefroren. Durch die großen Eisblumen am Fenster dringt der erste Morgenschimmer. Meine Mutter kniet vor dem Herd und versucht, mit feuchtem Reisig und etwas Papier ein Feuer anzufachen. Ich nehme den Eimer, um Wasser zu holen. Doch, o weh, der Pumpenschwengel ist festgefroren, und aus der Rohröffnung hängt ein dicker Eiszapfen. Ich schlage ihn ab und nehme ihn im Eimer mit...“

Und ein Mädchen, das mit Mutter und zwei Geschwistern als Flüchtling in einem Zimmer lebt, erzählt: „Dieser Winter war schrecklich. Es gab keine Feuerung. Wenn wir einmal etwas Holz bekamen, war es naß und brannte nicht in unserer kleinen Hexe. Aber wenn wir heimkamen, war alle Freude verschwunden, und wir krochen gleich ins Bett. Es wurde immer kälter, da wurde meine Mutter plötzlich krank. Hunger und Kälte waren ihr zuviel geworden. Wer sorgte nun für uns? ...“

Nichts ist vergessen, was geschah; auch nicht das stundenlange Warten vor den Toren der Kohlenhändler: „... Frierend standen die Maischen da, stampften mit den feuchten Füßen und wenn der Wind durch die Reihen fegte, lief es ihnen eiskalt über den Rücken. Plötzlich öffnete sich knarrend die Tür des Kontors, ein Mann steckte den Kopf heraus und sagte, daß der Zug mit den Kohlen steckengeblieben sei. Man müsse noch ‚etwas‘ warten. Aus diesem ‚etwas‘ wurden Stunden...“

Allerdings ist der Mollton dieser Schilderungen nicht typisch. Im Gegenteil! Und hier beginnt die andere Seite des Problems aufzuleuchten: