Esperanto bat eine ernste Konkurrenz erhalten. In einem New Yorker Verlag ist vor einigen Tagen, im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Hilfssprachen, ein Wörterbuch der „Interlingua erschienen. Sie ist ebenso künstlich wie Esperanto, aber ihre Schöpfer wollen Fehler vermeiden, welche die Esperantisten bei der Konstruktion ihres Vokabulars und ihrer Grammatik gemacht haben sollen. Die Anhänger beider Kunstsprachen wollen der Menschheit ein praktisches, leicht erlernbares internationales Verständigungsmittel schenken; ja, ihr gemeinsames Ideal besteht darin: den Nationalismus zu überwinden, der die Sprachgemeinschaften voneinander trennt. Freilich läßt sich nicht übersehen, daß jede solche Bewegung den Nationalismus braucht, zumindest ihn schon voraussetzt; denn in einer von ihm freien Welt bestünde kein Hindernis, den Menschen anstatt einer künstlich erfundenen eine der Weltsprachen – etwa das Englische – als zweite Sprache zu präsentieren, was immerhin den Vorteil hätte, daß einige hundert Millionen Menschen sie gar nicht erst erlernen brauchten.

Das Interlingua-Wörterbuch enthält nicht weniger als 27 000 Wörter, davon 10 000 von allgemeiner Bedeutung, die übrigen 17 000 von wissenschaftlicher und technischer Art. Die „New York Times“ führt einen Interlingua-Satz als Beispiel an: Energia es necessary pro toto que occurre in le mundo. In tempores passate le plus grande parte del energia applicate esseva formte per le fortia muscular del homines e del animales domestic. Das heißt: Energie ist nötig für alles, was auf der Welt geschieht. In vergangenen Zeiten wurde der größte Teil der angewandten Energie durch die Muskelkraft von Menschen und Haustieren geliefert.

Man sieht daraus, daß sich Interlingua ganz hauptsächlich auf das Lateinische stützt; es sind aber auch viele griechische Stämme aufgenommen, ferner arabische, persische, chinesische und andere, die bereits in den Fremd- und Lehnwörterschatz der modernen Sprachen übergegangen sind, selbst indianische, wie tomato, chocolate. So hofft man zu erreichen, daß ein gebildeter Russe Interlingua ebenso gut verstehen kann wie ein gebildeter Japaner oder Deutscher. Insbesondere macht sich Interlingua den internationalen Sprachschatz an wissenschaftlichen und technischen Fachausdrücken zunutze; beispielsweise: statistica für Statistik, antimonio für Antimon, atomo für Atom und so weiter. Vor allem für den Gebrauch im internationalen Verkehr von Männern der Wirtschaft, Technik und Wissenschaft ist Interlingua bestimmt, und es soll leicht erlernbar sein, weil der internationale Gebrauch vieler Wörter, die in den verschiedenen Sprachen Fremdwörter sind, die „natürliche“ Grundlage dafür bietet. Eine Grammatik von großer Einfachheit, die sich an die romanischen Sprachen anlehnt, soll demnächst herauskommen. Es fragt sich nur, ob eine künstlich geschaffene Grammatik, die den Gebrauch einer künstlichen Sprache regelt, wirklich für alle Wissenschaften ein Hilfsmittel sein kann. Wie mag es zum Beispiel um die Philosophie stehen, deren Probleme oft genug selbst in den natürlichen Sprachen schwer zu formulieren sind, in denen sie gedacht wurden. Und wie wollen sich in Interlingua gar auf einem internationalen Kongreß die Semantiker verständigen können, deren Geschäft es ist, aus den Wurzeln und aus der Geschichte der Wörter deren Bedeutungen zu erklären? W. F.