Nicht nur die Bayreuther Festspiele sind wieder auferstanden; auferstanden ist auch jene Art von offiziöser Bayreuth-Literatur, die als seltsam attraktive, belletristische Spezies des musikhistorischen Schrifttums seit jeher zum geistigen Rüstzeug der Wagnerianer gehörte. Ihre letzten, tiefsten Wurzeln hatte diese Literatur immer im Hause Wahnfried selbst. Denn dort wachte Cosima, die große Mythendichterin, eine Meisterin in der Kunst, die Wirklichkeit nachträglich der gewünschten Saga anzugleichen – was der Verwalterin wichtigster Dokumente nicht schwerfallen konnte. Aus ihrem verschwiegenen Arbeitszimmer drangen die offiziellen Lesarten über entscheidende Punkte der Wagner-Biograph in den Kreis der „Getreuen“.

Als nach Siegfried Wagners Tod seine Witwe Winifred „Herrin von Bayreuth“ geworden war, wurde wiederholt verkündet: jetzt werden, die Archive geöffnet und die Cosimasche Sprachregelung revidiert werden. Die Ungunst der Zeit ließ diese gute Absicht offenbar nicht recht zur Entfaltung kommen. Jedenfalls ist eine von den traditionellen legendarischen Zügen gereinigte Lebensbeschreibung Richard Wagners bis heute nicht erschienen. Kritische Darstellungen, die – abseits der Bayreuth-offiziösen Mythologie –, das gerade in seiner ungeheuerlichen Widersprüchlichkeit so interessante Phänomen Wagner nüchtern und wahrheitsgemäß vermittelten, sind bisher höchstens von grundsätzlichen Gegnern – also wiederum unter tendenziösem Vorzeichen – versucht worden.

Und jetzt, im Jahre 1951, erscheint im Steingrüben-Verlag, Stuttgart, ein Buch „Magisches Bayreuth“ von Erich Ebermayer. Der Untertitel lautet „Legende und Wirklichkeit“, aber es wird nicht immer so recht klar, wie sich die beiden Gebiete im Text gegeneinander abgegrenzt sehen wollen. Aus dem alten Mythos unbesehen übernommen ist hier die Schilderung der Münchner Epoche Wagners. Da findet man wieder die unbefangenste Schwarz-Weiß-Malerei: Das ideale, menschlichen Maßstäben völlig enthobene, verklärte Heldenpaar Cosima und Wagner mußte der grundsätzlichen Bosheit und Neidsucht der kleinen Geister im Kabinett, im Klerus und in der königlichen Familie weichen. Nichts davon, daß der junge, krankhaft übersensible König einen ständigen inneren Kampf zu führen hatte zwischen himmelhoher Verehrung und stutzig machender Ernüchterung, entsprechend dem Schema jener fatalen wagnerschen Briefe, die anfangen mit „Geliebter“, „Einziger“, „Huldvoller“ und nach einem Gallimathias von unverdaulichen Hyperbeln schließen mit der runden Summe, die den König diese schwindelerregenden Huldigungen nun wieder kosten sollen. Und nichts davon, daß das hehre Paar den König doch ganz schön und ausdauernd belogen und betrogen hat – was der „Münchener Pöbel“ wußte und nicht verzeihen konnte.

Aber sei’s drum. Interessanter ist, daß dies Buch auch in der Behandlung der Ära Winifred Bayreuth-offiziösen Charakter zu haben scheint. Da zeigt sich das Verhältnis Winifred–Adolf Hitler in einem Lichte entwaffnender Harmlosigkeit: Natürlich hat Winifred (deren Klugheit nichtsdestoweniger immer wieder gerühmt wird) von nichts Bösem gewußt; und hätte sie gewußt, dann wäre sie selbstverständlich schon immer dagegen gewesen. Und daß Friedelind, die älteste Tochter, gleich ihrem Vater tatsächlich schon immer dagegen war, soll nur aus ihrem angeborenen Eigensinn, ihrem Geltungstrieb, ihrer Überspanntheit zu erklären sein. Diese Eigenschaften werden (unter anderem) auch dadurch „bewiesen“, daß Friedelind „den Eintritt in den Arbeitsdienst als eine für sie unzumutbare Forderung“ ansah. Es klingt förmliche Entrüstung aus dieser Formulierung. Dazu paßt auch, daß (sogar in der Kapitelüberschrift) „Tietjens Nerven“ ironisiert werden, weil der künstlerische Festspielleiter sich durch Hitlers nächtliche Großsprechereien vor Tietjens Schlafzimmerfenster mit Recht gestört fühlte. Auf Schritt und Tritt fühlt man in diesen Abschnitten des Buches, wie anscheinend mit Mühe die Feststellung unterdrückt wird, daß Bayreuth im „Dritten Reich.“ doch eine schöne, imposante Sache war. Ein deutliches „Honny soit, qui mal y pense“ steht ungedruckt darüber.

Nein, es gibt noch kein stichhaltiges Wagner-Buch. Die Wagner-Darstellung und die Geschichte Bayreuths muß noch geschrieben werden, Welch ein Stoff für ein Gehirn, das der Monumentalität dieser Erscheinungen und der Größe ihrer Absurditäten gewachsen ist!

Walter Abendroth