Sechs Jahre nach der Errichtung des Eisernen Vorhangs ist es angebracht, endlich einmal die Frage. aufzuwerfen, welcher westdeutschen Stadt die Rolle der einstweiligen literarischen Hauptstadt zufallen könnte und was dafür zu tun wäre. Aber die Dringlichkeit dieser Frage scheint noch gar nicht erkannt zu sein. So wenig man sich irgendwo in der Bundesrepublik ernstlich um die Konzentration des graphischen Gewerbes bekümmert, durch die einst Leipzig seinen Rang als wichtigste deutsche Buchstadt erhielt, so wenig hat Berlin auch nur eine Stellvertretung als Stadt der maßgeblichen literarischen Urteilsbildung gefunden. (Wäre eine der Großstädte so lege wie das kleine Darmstadt, ja dann ...)

Die? diesjährige „Woche des Buches“ bringt es an den Tag. Überall werden, mit Vorträgen und Lesungen, die ansässigen Schriftsteller (ob bedeutend oder nicht, ganz unterschiedslos) ihrem Publikum vorgestellt – in einer Dezentralisation, die sich sehr nahe mit Lokalpatriotismus berührt. Auch in München und Hamburg, also in den beiden Städten, von denen man annehmen möchte, sie würden bei solcher Gelegenheit wetteifern um das repräsentativste Programm und die bedeutendsten Autoren. (Nur in Darmstadt wird Gottfried Benn sprechen...)

Die größte Stadt der Bundesrepublik ist auch der größte Ausfuhrhafen. Deutsche Bücher sind im Augenblick noch kein großer Posten in der Außenhandelsbilanz. Ob es daran liegt, daß man in Hamburg die „Woche des Buches“ nicht generöser von oben her gefördert hatte und daß sogar das Veranstaltungsprogramm nur erscheinen konnte, weil eine Erdölfirma mit einer Anzeige half? Für die Rede bei der Eröffnungsfeier hatte man den Präsidenten der (Darmstädter) Akademie gewonnen, und Rudolf Pecheis Worte appellierten an den kaufmännischen Sinn der Hanseaten: das Buchwesen gedeihe wirtschaftlich am besten, wenn das Buch nicht als Instrument der Handelspolitik angesehen werde. Überhaupt empfahl Pechel die Autonomie der „magischen Gemeinschaft“ aus Autoren, Verlegern, Druckern und Buchhändlern: eine Selbstkontrolle (wie beim Film), statt der Überbleibsel der Lizenzzeit. Das alles war wohl bedacht und des Erwägens wert. Nur: die Adressaten fehlten. Hamburg ist nicht Sitz des Wirtschaftsministeriums.

Es hat aber einen Wirtschaftssenator, Professor Schiller, und der hat schon 1946 einen Plan ausgearbeitet, wie man Hamburg zur Buchzentrale machen kann. Dieser Schiller-Plan verspräche noch heute einen Aufschwung. Es müßte nur der Mut bei allen da sein – und das Bewußtsein, daß ein „Dichtermarkt in der Mönckebergstraße“ noch kein Zeichen für florierendes Geistesleben ist,

cel.

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Von den über 20 000 Büchern, die über 600 westdeutsche Verlage jährlich herausbringen, konnte kaum der zehnte Teil in einer von dem deutschen Gesandten Dr. Sieveking in Stockholm eröffneten Ausstellung gezeigt werden, die von einer schwedischen Zeitung als „imponierend“ bezeichnet wurde. Auch die Fachleute des schwedischen Buchhandels zeigen sich von der Ausstellung beeindruckt. Allerdings komm immer noch weit über die Hälfte der schwedischen Bucheinfuhr aus England und Amerika, und der Anteil der deutschen Bücher ist klein gegen früher, wo er die größere Hälfte ausmachte. Erschwerend für den Absatz ist, daß der Umrechnungskurs des hiesigen Buchhandels für eine D-Mark 1,35 Kronen beträgt, also noch über dem Reichsbanckurs von 1,23 liegt. BP.