I. Mohammed Mossadek, Premier und Prophet – Wie es zum Streit in Persien kam

Von Emil Rasche

Selten hat der Kampf um das Öl, der in den letzten 50 Jahren in der Weltpolitik eine so große Rolle gespielt hat, so hohe Wogen geschlagen wie jetzt, da eine der wichtigsten Oppositionen der Westmächte, nämlich die Englands im Iran, verlorenzugehen scheint. über die Grundlagen dieser Auseinandersetzung um das Öl, die dieser Tage im Weltsicherheitsrat einen Höhepunkt erreicht, gibt Emil Rasche in seinem demnächst im Verlag Heinrich Schettler, Frankfurt am Main, erscheinenden Buch „Die sechste Großmacht“ einen Bericht, der die Spannungen wie das Zusammenwirken der großen Ölkonzerne mit den politischen und militärischen Interessen der Regierungen als das große Abenteuer des 20. Jahrhunderts schildert Unser neuer Tatsachenbericht, mit dessen Abdruck wir heute beginnen, ist ein Vorabdruck aus diesem Buch.

Dr. Mohammed Mossadek kauerte auf der Tribüne des Parlaments. Seine ledernen Finger umklammerten den Rand des Pultes. Von den durchfurchten, fast zerrissenen gelbbleichen, schmalen Wangen tropften in Abständen Tränen. Sie sickerten aus seinen erregenden, hintergründigen Augen. Der schwache, alte Körper zitterte... „Ich hatte, meine Herren, einen Traum: Allah nahm meine Hand und sprach zu mir: ‚Du mußt den Drachen töten.‘“

Die Abgeordneten verharrten in beklommenem Schweigen. In einem europäischen Parlament wäre ein vernichtendes Lachen ausgebrochen. Träume stehen dort nicht zur Debatte, Abgeordnete sind keine Propheten.

Die britischen Delegierten, die mit Mossadek verhandelten, hielten die körperlichen Zusammenbrüche für Exzesse orientalischer Diplomatie. Sir Basil Jackson, der stellvertretende Vorstand der Anglo-lranian Oil Company (AIOC), erklärte nach seinen vergeblichen Verhandlungsversuchen in Teheran: „Ich fand den persischen Premierminister in seinem Bett. Für meine Augen – schaute er ganz gut aus.“ Auch Sir Francis Shepherd, der britische Botschafter, und sein US-Kollege Henry Grady konnten keinen politischen Reim mehr finden. Die beiden Diplomaten suchten nach dem „Sesam, öffne dich“ dieses Persers, der sie in seiner Stadtwohnung, einige hundert Meter vom Parlament entfernt, stets in seinem Schlafzimmer im Bett empfing. Henry Grady, der silberhaarige Geschäftsmann, der in Indien schon östliche Lebensgewohnheiten erfahren hatte, konnte mit den Mitteln der Überredung und der wirtschaftlichen Argumentation keine Wirkungen auf Mossadek erzielen. Der persische Premier behandelte ihn liebenswürdig – jedoch scheiterte die diplomatische Mission an der Haltung dieses alten Politikers, der sich nun wie der Messias seines Volkes verhielt. Niemand wußte eigentlich sein wahres Alter. Man rätselte, ob er 72 oder 75 Jahre alt wäre. Offiziell war er nur 69 Jahre. Nach der Geschäftsordnung des Parlaments darf nämlich ein Abgeordneter nicht älter als 69 sein.

Mossadek arbeitete mit Argumenten, die in den Ohren der angelsächsischen Diplomaten fast mystisch klangen. In ihren Telegrammen an das Foreign Office und das State Department konnten sie nur allgemeine Berichte geben. Mossadeks Haltung war eigentlich entwaffnend. Vielleicht dachte er, was Goethe in seinem Westöstlichen Diwan so weise ausspricht: