Emil Barth, Enkel des Odysseus (Claassen Verlag, Hamburg, 74 S., Leinen 6,80 DM)

Wo fände, verlöre er den tragenden Grund der Existenz, der moderne „Enkel, des Odysseus sein Ithaka? In der so benannten Novelle antwortet Emil Barth mit der Parabel von einem Flieger des Afrikakorps. Während er bei El-Alamein an der Front steht, verliert dieser Flieger Elternhaus, Eltern und Schwester durch ein Luftbombardement. Der Urlaub, den er erhält, bestätigt ihm, daß er fortan, heimatlos sein wird. Das einzige, was seiner im Brandschutt der Trümmerstätte wartet, ist sein altes Exemplar der „Odyssee“. Er nimmt es nach Afrika mit. In den Pausen des Dienstes lebt er sich in eine Entsprechung zwischen seiner eigenen Unbehaustheit und dem Heimweh des Odysseus hinein. Doch in der archaischen Provinz der Mythen ist das Heimweh des listenreichen Dulders „durch bloßen Ortswechsel heilbar“ gewesen. Der „Enkel“ dagegen fällt der „Ausgesetztheit des Ichs in der Zeit“ zum Opfer; der „Unfähigkeit zum selbstvergessenen Mitschwingen im Reigen der Schöpfung“. Da bringt ein Flugunternehmen, das scheitert, die Wende. Die in Brand geschossene Maschine wird in den Sog eines Sandsturms gerissen. Im Fallschirm, umtost von den Sturmböen, durchmißt der Stürzende noch einmal auch sein früheres Dasein vor jener Katastrophe, die ihm das Elternhaus genommen hat. Als er auf der nachtdunklen Wüste aufschlägt, ist er im Wirbel äußerster Gefährdung seiner Fortexistenz dem überwachen Ich-Bewußtsein entronnen. Im Schauder eines fast schon greifbar gewordenen Untergangs im Nichts hat er eine neue Konversion zu den zeitlos-ewigen Erscheinungen der Schöpfung erfahren. Auch der „Enkel des Odysseus“ hat ein gewandeltes Ithaka erreicht.

Das alles ist in dem schmalen, von einer klassischen Zucht der Sprache gehaltenen Band ebensowohl philosophisch als elementar erzählt. Mit einer bedrängenden Genauigkeit in den feinsten Details des Milieus. Die in seinen Kindheitsbüchern „Das verlorene Haus“ und „Der Wandelstern“, in seiner Romandichtung „Das Lorbeerufer“ gründende Erzählkunst des Dichters erreicht in der Fliegernovelle neuartige Strenge und einsame Höhe. Daß sie an ihren Leser das Ansinnen richten darf, die Lektüre mehrfach zu wiederholen, zeigt eine Konzentration, die heute kaum noch ein Beispiel hat. Jedes Wort ist hier ein Diamant. Hansgeorg Maier