R. K. N., Wien, im Oktober

Die so häufige Parallelität der französischen und österreichischen Wirtschaftsfragenzeigt sich auch in diesen Wochen: Während die Regierung Pleven ohne Erfolg bemüht ist, ihre Aktion zur Senkung der Fleischpreise – die „Operation Beefsteah“ – durchzuführen, kämpft die Regierung Figl den gleichen Kampf, den man „Operation Beinfleisch“ nennen könnte. Denn die Erhöhung der Fleischpreise oder das Verschwinden der Ware vom Markt der genormten Preise war schon ein mitbestimmender Grund für den fünften Lohn-Preis-Pakt, in dem ein bedeutendes Preisentgegenkommen an die Landwirtschaft einkalkuliert war. Was aber nicht einkalkuliert werden konnte und auch nach diesem Abkommen den Lebensstandard täglich mehr belastet, ist die negative Reaktion der Fleischwirtschaft auf diese Konzessionen. Denn die Preise steigen immer weiter. Der Innenminister, der mit, scharfen Erlassen nicht spart, wenn es gilt, der sozialistischen Zwangswirtschaft eine breitere Gasse zu bahnen, kann nicht hinter jedes Metzgerpult einen Polizisten zur Preiskontrolle stellen. Die Konsumenten, die bei der Fleischverknappung auf die „Protektion“ ihrer Metzger angewiesen sind, denken nicht an Strafanzeigen wegen Preisüberschreitungen, sondern nur an ihre Versorgung und treiben damit die Preise immer höher.

Der Gewerkschaftsbund verlangt eine diktierte Marktordnung mit Ablieferungszwang für die Bauern, das Publikum verlangt sein „Bernfleisch“, die Metzger wollen ihre Handelsspanne und die Bauern das, was sie kostendeckende Preise nennen, so daß das Fleisch zu einem Politikum ersten Ranges geworden ist. Die Einführung von zwei fleischlosen Tagen in der Woche blieb eine Farce. Wild, Geflügel, Lamm, Innereien, Wurst, Konserven und Ziegen, kurz alles Fleisch, außer Rind- und Schweinefleisch, wurde von der Verordnung ausgenommen. Selbst die geringe wirkliche Beschränkung wurde von vielen westlichen Bundesländern, wo Bauern und Gastwirte mächtige politische Faktoren sind, „im Interesse des Fremdenverkehrs“ sabotiert. In Wien aber kommen Schweine nur noch zu gewaltigen Überpreisen und an den fleischlosen Tagen als „Wildschweine“ auf die Speisekarten. Dürfte man ihnen glauben, dann müßte Österreich von Wildschweinen überflutet sein. Wer aber auch am fleischlosen Tag auf Beinfleisch besteht, kauft es tags zuvor ein, so daß an den zwei Tagen vor den fleischlosen Tagen und an den zwei Tagen nach ihnen – also praktisch während der ganzen Woche – Fleisch nur mit Mühe aufzutreiben ist.

Die Volkspartei, deren Stammwähler die Bauern und Metzger sind, scheut vor drastischen Maßnahmen zurück; Die Sozialisten aber machen sich mit ihrem Ruf nach einem Fleischdiktator selbst bei ihren Anhängern unbeliebt, und die Vollversammlung der Arbeiterkammer, die gegen den „Überkonsum gewisser Kreise“ Stellung nahm, hat einen politischen Bumerang lanciert, da eben die Arbeiterschaft an ihrem „Beinfleisch“ hängt, das der Mittelstand längst nicht mehr erschwingen kann. Während dieser Polemik aber steigen die Preise, und jede rigorosere Maßnahme gegen sie vertreibt die Ware vom legalen Markt, so daß „das Beinfleisch“ zum Ausgangspunkt einer ganzen Kette neuer Preissteigerungen wird.