Von unserem Berliner Korrespondenten

K.W. Berlin, Mitte Oktober

Eine Woche lang standen Menschenschlangen vor den Berliner Wechselstuben, wo die Westmark, die sich fast ein Jahr hindurch bei etwa 4,50 Ostmark gehalten hatte, um den 7. Oktober auf den seit langem niedrigsten Stand von 3,50 Mark heruntergegangen war. Dieser Vorgang fällt zusammen mit einer östlichen Verlockung, der sich viele Westberliner nicht entziehen können.

Die sowjetischen Behörden schaffen täglich 4000 Tonnen Einkellerungs-Kartoffeln nach Ostberlin. Der Preis ist dort in Ostmark derselbe wie der Preis jener Kartoffeln, den die Westberliner Läden in Westmark verlangen. Die Kartoffelversorgung in der Sowjetzone selbst macht freilich, wie aus östlichen Zeitungen hervorgeht, den Behörden Sorgen. Doch den ostzonalen Machthabern liegt mehr daran, die billigen Propaganda-Kartoffeln für -Westberlin heranzurollen als die kummergewohnte Bevölkerung der Zone zufrieden zu stellen. So sieht man täglich Zehntausende Westberliner Arbeitslose zu den Konsumläden des Ostsektors wandern.

Außerdem haben die HO-Läden am 7. Oktober ihre Preise für Massenkonsumwaren wie Marmelade und Kunsthonig so sehr gesenkt, daß die finanzschwachen Schichten der Westberliner Bevölkerung das Währungsgefälle beträchtlich ausnutzen können. Der Ost-Sog, der eine Woche lang wesentlich zur Senkung des Mark-Kurses beitrug, scheint aber schon jetzt wieder im Abflauen zu sein.