London, im Oktober

Der amerikanische Film über den „Wüstenfuchs Rommel“, der das auch in Deutschland gut bekannte Buch des englischen Generals Desmond Young zur Grundlage hat, läuft in London gleichzeitig mit der öffentlichen Diskussion um das Für und Wider des Pagetschen „Manstein“-Buches. Beide Themen stehen in ursächlichem Zusammenhang. Der pazifistische Labour-Abgeordnete und Verteidiger des deutschen Feldmarschalls, R. T. Paget, hat in einem, aufsehenerregenden Buche nachzuweisen versucht, daß die Anklage und die Verhandlung gegen seinen Mandanten weder britischem noch dem Völkerrecht entsprochen und damit zu einem glatten juristischen Fehlurteil geführt habe. Wenn Paget Manstein als „unpolitischen Offizier“ von den Greueltaten freispricht, die die politischen Offiziere der Nazihierarchie unter seinem Kommando begangen haben, so läßt er doch die Frage nach einer moralischen und politischen Mitschuld Mansteins unbeantwortet. Wer Geschichte liest, weiß, daß aus der Diktatur nur dann ein Weg in die Freiheit führt, wenn der Soldat den Aufstand anführt. Was als Hochverrat anfängt, geht als patriotische Befreiungstat in die Geschichte ein, falls es erfolgreich endet. Dies ist das eigentliche Thema des Rommel-Films.

Es mag merkwürdig anmuten, daß gerade die Fein de von gestern aus ihrem damaligen Gegner einen Helden machen und seine Legende zementieren. Nun, dieser seltsame Vorgang läßt sich bereits unter den „Wüstenratten“ der 8. Armee Montgomerys nachweisen, als diese noch in der Defensive war. Es hätte vielleicht noch mehr zum Erfolg des Films beigetragen, wenn er von diesem Gesichtspunkt aus gesehen worden wäre. Die Hollywood-Produktion bemüht sich indessen, die Persönlichkeit Rommels vom deutschen Standpunkt aus zu erfassen und seine Laufbahn mit deutschen Augen zu sehen. So wird ehrlich und mit einem überzeugenden Dialog klargegemacht, daß der Feldmarschall ein Symbol einer anständigen Grundhaltung der deutschen Armee gewesen ist. Deswegen liegt der Höhepunkt des Films auch in jenem Gespräch, das Rommel mit dem Oberbürgermeister Ströhlin von Stuttgart führt, der ihn überredet, den Führereid zu brechen. Diese Szene wird zu einer dramatischen, tief ergreifenden Rechtfertigung der Männer vom 20. Juli und zu einer vernichtenden Verurteilung der Remer und Genossen. Schon deswegen sollte der Film in Deutschland gezeigt werden, falls dies überhaupt ohne öffentliche politische Auseinandersetzungen möglich sein wird.

Uns scheint allerdings ein allgemeiner Erfolg in Deutschland zweifelhaft zu sein, weil die „deutsche Mentalität“ Hollywoods oft einer Travestie gleichkommt, so etwa, wenn das württembergische Heim der Rommels eher der Lebenseinstellung von Illinois gleicht. Auch ist der Regisseur weit davon entfernt, die tragischen Folgen der Sippenhaft zu verstehen, so daß Mutter und Sohn Rommel plötzlich zur „Momma“ und zum „Junior“ einer Kitschtragödie aus dem Mittelwesten werden. Wenn nicht anfangs die Landung englischer Kommandotruppen gezeigt worden wäre, müßte der unwissende Zeitgenosse übrigens glauben, daß die Amerikaner es waren, die das Afrikakorps schlugen, zumal die Wüste stark nach Arizona aussah.

Peinlich – und nicht nur für ein deutsches Publikum – wirkt der faux pas Hitler in Person auf die Leinwand zu bringen.

James Mason spielte den „Rommel“ mit allen Finessen, deren er fähig ist. Aber er war nicht der echte Wüstenfuchs, sondern eher das Wachsmodell aus dem Pariser Museum der Madame Tussaud. Dagegen ist ein Kabinettstück feinster Psychologie der Feldmarschall von Rundstedt, den Leo Carroll spielte. In dieser monolithischen Ernüchterung müssen jene Feldmarschälle gelebt haben, die längst um das unvermeidliche Ende wußten, aber zu resigniert dachten, um sich dem Aufstand anzuschließen, der es vielleicht hätte abwenden können. Alex Natan