Salzburg, im Oktober

Man hat es lange nicht glauben wollen und war der Meinung, daß es sich da um eines jener „Nach-Festspiel-Kulturgerüchte“ handeln müsse, mit denen man sich in der Stadt an der Salzach außerhalb der Saison so gerne die Zeit vertreibt. Aber nun kann es keinen Zweifel mehr geben: Bert Brecht wird nach Salzburg berufen. Dem Verfasser der „Dreigroschenoper“, zuletzt ostzonalen Hausdichter mit Nach-Tisch-Vorbehalten, dem Autor und vor allem auch Umarbeiter des „Verhör des Lukullus“ ist aus diesem Grunde – kein anderer scheint denkbar – die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen worden. Man hat ihn sogar – die Verleihung der Staatsbürgerschaft ist Landessache (wobei in diesem Fall der streng katholische Unterrichtsminister zugunsten Brechts intervenierte!) – zu einem Salzburger gemacht. Was man so alles kann?

Schiller hat irgendwo festgestellt, daß der Österreicher ein Vaterland habe, es liebe und auch Grund habe es zu lieben. Man fragt sich nun natürlich, welchen Grund beispielsweise der Österreicher Brecht haben kann, sein neues Vaterland zu lieben. Gibt es da eine sich langsam vollziehende Wandlung, die mit dem lukullischen Gastmahl begann, um mit Salzburger Nockerl’n zu enden? Oder hat man vielleicht in die Felsenreitschule ein trojanisches Pferd geschoben, aus dem in der Nacht die Trommler steigen sollen? Wir wissen es nicht.

Jedenfalls ist es so, daß die Österreicher nun einen Brecht haben, ihn lieben und auch Grund dazu haben. Welchen eigentlich? Daß Brecht ein Mann von ungewöhnlicher Begabung ist, wer möchte es leugnen? Paßt er deshalb in die zarte Atmosphäre Salzburgs? Eine Atmosphäre, der man nicht einmal Eliots „Mord im Dom“ zumuten zu dürfen glaubte? Dabei bestand durchaus kein Anlaß mehr, in Salzburg die noble Toleranz des Westens zu beweisen. Hatte man nicht gerade diesen Sommer den Kommunisten Berthold Viertel den „Zerbrochenen Krug“ inszenieren lassen? Es läßt sich denken wie Viertel das Auftauchen seines Gesinnungskollegen begrüßen wird.

Das österreichische Publikum ist natürlich empört und verblüfft. Verblüfft vor allem ob des Umstandes, daß eine solche Entscheidung von einem ganz kleinen Kreise getroffen werden konnte. Ob der Festspielausschuß, ob der betriebsame Begründer der famosen Musikolympiade Ortner – der insgeheim hofft, den „Jedermann“ durch ein eigenes Erzeugnis zu ersetzen – der Vater der Idee sein mag: jedenfalls verdankt sie ihre Verwirklichung ohne Zweifel der Initiative des ebenfalls sehr betriebsamen Kulturreferenten Hirth. H. M. W.