Köln, im Oktober

Daß man im neuen Sendesaal des Kölner Rundfunks einen Zyklus von vier öffentlichen Sinfoniekonzerten, die ausschließlich moderner Musik gewidmet sind, mit einem Strawinskij-Abend unter der Leitung des Komponisten feierlich intonierte, war, weiß Gott, nicht als Konzession an irgendeinen Starrummel zu werten, Strawinskij ist kein „Star“ des Taktstockes. So war es der durchaus legitime Drang zum „Authentischen“, der die geistige Elite und nicht nur die üblichen Konzertgänger aus dem ganzen Westen zu diesem Ereignis versammelte. Man wollte sich einmal vergewissern, wie die Werke im exaktesten Sinne „gemeint“ sind, ohne daß die nachvollziehende Interpretationslust eines anderen Kopfes, und sei er noch so bedeutend, sich dazwischenmenge

Strawinskij kam aus Venedig. Er hatte – ein wenig kühl, wie man berichtete, sehr distanziert, sehr beherrscht – fünf Tage lang mit dem Kölner Rundfunkorchester geprobt. Er hatte sich dann, wie man weiterhin hörte, von den Qualitäten des Orchesters dermaßen überzeugt, daß er die einsätzige Bläsersinfonie (aus dem Jahre 1920, dem Andenken Debussys gewidmet) nun mit diesem Klangkörper für „Columbia“-Platten aufnehmen ließ. Was man in der Tat zu hören bekam, überstieg die Vergleiche und die Erwartungen. Hielt sich „Apollon Musagète“, mit dem das Konzert begann, noch distanziert, ganz als die seidig spröde, neoklassische Allüre, als welche das Werk in etwa neben die Ovid-Illustrationen Picassos einzureihen ist, so waren gleichwohl die merkwürdigsten, gleichsam unterirdischen Gegenbewegungen mitzuhören – zumal gegen Schluß hin. Die Bläsersinfonie (für Deutschland eine Erstaufführung) verbindet pastorale Debussy-Gestik mit schrillen, ja schreienden Signalen, die quasi horizontal hineinschlagen: unerhört suggestive Querschläge aus dem Glockenfundus russischer Lieder, Endend in einem grandios zusammengefaßten Nonenakkord, erstand das Werk zu einer völlig „direkten“ Leichtigkeit. Strawinskij forciert nichts. Es ist dennoch alles „da“, auf die Weise des Geistes, in der das Geheimnis der Größe liegt. Auch seine Gestik ist leicht, fast die eines großen Insektes. Nur Kopf und Hand sprechen, das übrige ist graphischer Umriß, fast unkörperlich. Um so erstaunlicher, wieviel Passion er in den „Oedipus Rex“ investierte. Der Chor (gesungen von dem brillanten Männerchor des Rundfunks) wurde zu einer geradezu wilden Grundierung aufgerauht, die Statik geriet ins Schreiten. Die Soli wurden wie Schrapnelle davorgesetzt, als explosive Farben in der Gesamtvision. Martha Mödl und Heinz Rehfuß funktionierten da geradezu authentisch. Peter Pears als Oedipus blieb meist zu lyrisch. Der Beifall umriß den Triumph. Strawinskij leitete ihn immer wieder auf Chor und Orchester ab. Sch.-V.