Wenn schon die Völker aus dem Geschichtsablauf nichts lernen – daß aber auch die Politiker daraus keine neuen Erkenntnisse ziehen! Es sollte in unserer Generation doch nachgerade deutlich geworden sein, daß ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis zusätzliche Gefahren heraufbeschwört. So war es nach dem ersten Weltkrieg, als man glaubte, Deutschland bis an die Grenze des Möglichen auspressen, einengen und beschränken zu müssen, um die deutsche Gefahr zu bannen. Niemand wird heute mehr leugnen, daß gerade diese Maßnahmen mit dazu beitrugen, eine neue Gefahr herauf zu beschwören, gegen die es dann wirklich kein Mittel mehr gab. Nach dem zweiten Weltkrieg glaubten die Alliierten, vor allem die Franzosen, zunächst, daß die Zweiteilung Deutschlands ihnen erhöhte Sicherheit bringen werde; inzwischen sehen gerade die Franzosen ein, daß daraus zusätzliche Gefahren erwachsen. Das einzige, was noch nicht geklärt ist, ist die Frage, was ihnen bedrohlicher erscheint: das Übergewicht eines ungeteilten Deutschland oder das Verlangen eines geteilten Deutschland, seine fehlende Hälfte wieder zurückzugewinnen.

Den Verhandlungen, die heute zwischen den Hohen Kommissaren und dem Bundeskanzler stattfinden, liegt wieder ein unstillbares Sicherheitsverlangen zugrunde. Die Alliierten brauchen deutsche Divisionen zur Verteidigung Westeuropas (einschließlich Deutschlands). Sie waren bereit, uns als Gegenleistung politische und wirtschaftliche Souveränität zu gewähren. Inzwischen aber hat wieder das Sicherheitsbedürfnis die Oberhand gewonnen über den Entschluß, Vertrauen zu haben. In Anbetracht der angeblichen Gefahr, daß man ja nicht wisse, was die Deutschen tun, wenn man ihnen die volle Freiheit gäbe, ist man bestrebt, so viele Sicherungen, wie nur möglich, einzubauen. Der Kanzler hat offenbar einen schweren Stand bei den Verhandlungen. Aber was ist eigentlich erreicht, wenn es den westlichen. Alliierten gelingt, ihn "klein zu kriegen"? Gibt ihnen eine dem Kanzler abgerungene Zusage irgendeine zusätzliche Sicherheit? Keineswegs. – Im Gegenteil. Die natürliche Sicherheit, die darin liegt, daß ganz ohne Zweifel die überwiegendeMehrheit des Volkes im Lager des Westens steht und bei vernünftiger Handhabung dieser Frage auch durchaus bereit gewesen wäre, einen Verteidigungsbeitrag zu leisten, wird allmählich verschlissen. Daß diese Bereitschaft da war, ging deutlich aus der sehr warmen Resonanz hervor, die die ersten Berichte über das Ergebnis von Washington in Deutschland auslösten. Jene Berichte, die von einer großzügigen Regelung sprachen und die zunächst glauben machten, es sei endlich der mit Sehnsucht erwartete Tag gekommen, an dem Vertrauen an die Stelle des Besatzungsstatuts treten werde. Dieser Traum scheint ausgeträumt.

Das hat zwei Folgen. Erstens, das von den Sowjets im Moment der Enttäuschung lancierte Angebot gesamtdeutscher Wahlen – mit dem Ziel, Deutschland zu neutralisieren – verwandelt immer mehr potentielle und auch bewußte Westler in hoffnungsvolle Neutralisten. Mit anderen Worten, das, was der Osten bisher vergeblich zu erreichen versuchte, (denn Neutralität ist das äußerste, was er erreichen kann) das wird jetzt durch die unglückliche Politik des Westens gefördert. Oder noch deutlicher: Die schleppenden Verhandlungen der Hohen Kommission mit dem Bundeskanzler spielen den Sowjets direkt in die Hände. Die zweite Folge ist, daß das Prestige des Kanzlers, der immer mit nicht zu erschütternder, Bereitschaft die Politik der Integration Deutschlands vertreten hat, entscheidend geschwächt wird, wenn er auf einer unerwartet ungünstigen Basis akkordieren sollte. Keine Regierung kann es sich leisten, Zusicherungen zu geben, die von der öffentlichen Meinung nicht wirklich gebilligt werden; das hat auch der französische Außenminister Schuman oft genug erfahren müssen. Darum-, ist es viel wichtiger, eine Atmosphäre wirklichen Vertrauens zu schaffen, als irgendwelche Generalklauseln oder Spezialparagraphen auf dem Papier festzulegen.

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Im Großen gesehen geht der Ost-West-Kampf in Europa doch heute, wie nun schon all die Jahre.seit 1945, um Deutschland. Wir Deutsche werden ohne allen Dünkel sagen müssen, daß, wer Deutschland hat, Europa beherrscht. Würde ganz Deutschland in die sowjetische Machtsphäre einbezogen, so würde die Herrschaft des Kremls sich bald bis zum Atlantik ausdehnen; würde ein wieder vereinigtes Deutschland Mitglied des Atlantikpaktes sein, so brauchte Westeuropa um seine Zukunft nicht mehr allzu besorgt zu sein. Die unglückselige Tatsache, daß dieses Deutschland zweigeteilt ist und jeder der feindlichen Kontrahenten eine Hälfte gewissermaßen in seine Einflußsphäre einbezogen hat, muß daher dazu führen, daß jede der feindlichen Großmächte versucht, auch noch die ihr fehlende andere Hälfte dazu zu gewinnen. Der Westen bemüht sich, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß er seinen Teil so fest wie nur möglich integriert und alle nur erdenkliche Vorsorge trifft, diese Konstruktion theoretisch zu sichern. Dabei muß er sich darauf beschränken, in zarten Andeutungen die Hoffnung zu erwecken, daß eine "Konstellation" kommen werde, die irgendwann den Anschluß der fehlenden Hälfte ermöglichen werde. Das ist recht vage und unbefriedigend, und so hat denn der Osten seine Chance wahrgenommen, mit einem scheinbar sehr viel konkreteren Angebot aufwarten zu können: gesamtdeutsche Wahlen mit dem Ziel einer Wiedervereinigung Deutschlands.

Die eigentlichen Partner bei diesen Verhandlungen sind also weiterhin die beiden großen – einstmals alliierten Machtblöcke. Und wenn Grotewohl heute plötzlich als Sprecher und damit scheinbar als Akteur auftritt, so zeigt das nur, daß die Sowjets wieder einmal mit dem so beliebten Trick aufwarten, ihre Geschöpfe gelegentlich als selbständig handelnde Personen agieren zu lassen. Dieser Objekt-Subjekt-Wandel (der im umgekehrten Sinne in der Marxschen Theorie eine gewisse Rolle spielt) hat sich schon oft bewährt, wenn es darum ging, in Form eines Bürgerkrieges die sowjetische Aggression zu verschleiern – warum sollte er nicht auch bei einer Friedensoffensive funktionieren?

Das wird nur dann nicht der Fall sein, wenn wir uns über eben diese Situation voll im klaren sind. Es könnte sonst geschehen, daß die Deutschen beiderseits der Elbe eines Tages feststellen müssen, daß sie gar nicht, wie manche meinen, miteinander Skat spielen, sondern daß Stalin mit ihnen "Schwarzer Peter" spielt. Daß nämlich, wenn die beiden zu einander passenden Karten: Ost- und Westdeutschland endlich wieder zusammengelangt sind, Stalin sie in der Hand hält und den Deutschen allen zusammen "der Schwarze Peter" bleibt.

Marion Gräfin Dönhoff