In Bad Neuenahr tagte nach dreizehnjähriger Pause die Elite der deutschen Kautschukindustrie und -Wissenschaft. Die Wiederkonstituierung der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft, eine Schöpfung ans dem Jahre 1926, stand am Beginn eines mehrtägigen Treffens. Die erfreuliche Tatsache, daß sich Männer gefunden haben, die den einst hohen Grad der deutschen Kautschukforschung und industriellen Verarbeitung wieder in das Gedächtnis der Öffentlichkeit zurückrufen und den organischen Zusammenhalt in einer Gesellschaftsform wiederfinden, erinnert uns daran, daß vor noch nicht allzu länger Zeit das Deutsche Zentrallaboratorium für Kautschukforschung in den Bayerfabriken von Leverkusen von der britischen Besatzungsmacht demontiert und in englische und kanadische Konkurrenzunternehmen verlagert worden war.

In der ganzen Welt – und selbst in einsichtigen englischen Kreisen – hatten jener damalige Eingriff und seine Hintergründe einen schlechten Eindruck hinterlassen. Daß sich nach Überwindung der allgemeinen Beutestimmung englische Industrielle beim Gedanken an diese Laboratoriumsdemontage auch heute noch nicht sehr wohl fühlen, wurde durch ihre Abwesenheit in Bad Neuenahr recht deutlich. Aus Österreich, Schweden und der Schweiz,-aus Holland, Frankreich, Italien und den USA waren demgegenüber alte Freunde, interessierte Fabrikanten und Forscher gekommen.

Zu den Arbeitsthemen der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft gehört die Weiterentwicklung der Verwendungsmöglichkeiten und Einsatzbreite für natürlichen und künstlichen Kautschuk, die materielle wie ideelle Förderung der Forschung in den Werken wie an den Universitäten, der Gedankenaustausch mit der Chemie und das internationale Gespräch über das Wirtschaftsobjekt Kautschuk schlechthin. Von den USA geht der Wunsch aus, die fernöstlichen Kautschukgebiete Indonesien, Malaia und Ceylon, die etwa 1,5 Mill. t Naturkautschuk von insgesamt 1,8 Mill. t liefern, allmählich abzubauen und durch „näherliegende Gebiete“ zu ersetzen. Im Mittelpunkt dieser weltumspannenden Verlagerungsaktion stehen Länder wie Venezuela, Brasilien und Belgisch-Kongo in Zentralafrika.

Ferner darf auf dem Gebiete des Buna mit weiteren Entwicklungen gerechnet werden. Es ist wohl auch kein Zufall, daß zum Vorsitzenden der DKG einer der wichtigsten Köpfe der Bunaforschung und -entwicklung gewählt wurde: Dr. e. h. Konrad (Bayer in Leverkusen). Einst verpönt und wegen „Unrentabilität“ für Deutschland verboten, werden heute (ohne UdSSR) in der Welt jährlich 1 Mill. t synthetischer Kautschuk hergestellt, davon über 90 v. H. in den USA. Sein Preis liegt etwa bei der Hälfte des Naturgummis (also umgekehrt wie früher); der Naturgummi liegt allerdings seinerseits auch um das drei- bis dreieinhalbfache über den Preisen von vor drei Jahren.

Von der einst großen Kapazität an Buna (170 000 Jahrestonnen) ist der größte „Brocken“ im sowjetischen Machtbereich bei Schkopau (IG-Werk) und arbeitet dort wahrscheinlich voll. Im Westen könnte frühestens Ende dieses Jahres aus den Chemischen Werken Hüls eine Monatsproduktion von 600 t erwartet werden. Der deutsche Monatsbedarf wird dagegen auf 1000 t geschätzt bei 7500 bis 8000 t monatlichem Gesamtverbrauch an Kautschuk. Wegen Devisenlage und Liefersperre der USA kann die Bundesrepublik zur Zeit jedoch nur etwa 50 t im Monat einführen.

Die Zusammensetzung von Vorstand und Beirat der DKG, die bereits am Gründungstage rund 250 Mitglieder, Firmen wie Einzelpersonen, umfaßte, veranschaulicht seine breite Lagerung. Neben Dr. Konrad als 1. Vorsitzenden führt Direktor Dr. Otto Giese (Gummiwerke Fulda AG) den Vorsitz mit Dipl.-Ing. Alfred Titze und Dr. Detlev Schmidt vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie, Frankfurt, als Geschäftsführer. Den Beirat bilden Generaldirektor Carl Krüger (Metzeler-Gummiwerke AG, München), Dr. Paul Bau mann (Continental Gummi-Werke AG, Hannover), Dr. Guido Fromadi (Farbenfabriken Bayer, Leverkusen), Dr.-Ing. Heinrich Pahl (Paguag, Düsseldorf), Dr. Hering (Siemens-Schuckert-Werke AG., Berlin), Dir. Dr. Stegemann (Harburger Gummiwaren-Fabrik Phoenix AG, Hamburg-Harburg) und Dir. Dr. Albert Koch (Kölnische Gummifäden-Fabrik vormals Ferd. Kohlstadt & Co., Köln-Deutz). Rlt.