Die Versteigerung des Breitkopf-Archivs ist abgesagt und damit die Gefahr der Abwanderung ins Ausland, auf die an dieser Stelle (vgl. den Beitrag „Verlust an deutscher Kultursubstanz“ in Nr. 38 der „Zeit“) nachdrücklich und rechtzeitig hingewiesen wurde, vorläufig gebannt. Im letzten Augenblick, vier Tage vor der Auktion. Hohe Aufträge auf die Hauptstücke von Bach, Händel, Beethoven haben namentlich aus der Schweiz und Amerika vorgelegen.

Damit könnte die Angelegenheit für die öffentlichkeit als abgeschlossen gelten, käme ihr nicht prinzipielle Bedeutung zu. Es ist unseres Wissens das erste Mal, daß der Bund direkt die Initiative ergriffen hat, einem drohenden Verlust kulturellen Gutes vorzubeugen. Und zwar hat sich der Bundespräsident selbst der Sache angenommen. Wir bekamen einen der Briefe des Bundespräsidenten in dieser Angelegenheit zu Gesicht, der von großem Takt und innerer Bescheidenheit zeugt. Wenn nun heute die kurz anberaumte Absage der Auktion durch das Haus Breitkopf von den Auktionatoren mit Recht als eine unbillige Härte empfunden wird, so liegt die Schuld weder bei dem Bundespräsidenten, dessen warmes Interesse für kulturelle Dinge höchst erfreulich ist, noch an der Öffentlichkeit, die ja erst reagieren konnte, als der Auktionskatalog vorlag.

Die junge Republik, der – die Parteien kein Kultusministerium gönnten, hat einfach die Organe noch nicht, die fähig wären, so diffizille Aufgaben reibungslos zu lösen. Die Funktionen einer echten Hauptstadt werden in einem solchen Falle deutlich. In London hätte die Bibliothek des British Museum einen Kredit vom Parlament erbitten können. In Paris hätte die Leitung der Bibliotheque Nationale das Ministerium aufmerksam gemacht, der Staat einen Betrag für die wesentlichen Stücke ausgesetzt, einen Antiquar auf die Auktion geschickt und die erworbenen Objekte an die Institute gegeben, in die sie gehören. So geschehen, als das Tagebuch Montaignes in New York 1950 versteigert wurde, das dann später der Bibliothek in Bordeaux, wo Montaigne Bürgermeister war, zugewiesen wurde. Als Berlin noch Reichshauptstadt war, hätte die Preußische Staatsbibliothek früh von dem Verkauf gehört und das preußische Finanzministerium die Mittel bewilligt, um unter Umständen noch vor der Versteigerung Ankaufsverhandlungen einzuleiten und abzuschließen.

Über solche Möglichkeiten verfügt der Bund nicht. Und so hat man sich mit der Gewährung eines Kredits beholfen,’ wogegen sich die Firma Breitkopf verpflichtete, die kostbaren Autographen des in Jahrhunderten gewachsenen Verlagsarchivs nicht zu veräußern, um die Mittel zum Wiederaufbau des Verlages zu erhalten. Gewiß nur eine Notlösung. Denn die heute gegen Abwanderung von Kulturgut recht empfindlich gewordene deutsche Öffentlichkeit hatte auf die Nachricht von der Versteigerung sehr positiv reagiert. Der Stadtbibliothek in Hamburg war es gelungen, für die Erwerbung des Briefwechsels von Bachs Sohn Philipp Emanuel eine Summe von über 10 000 DM aus privaten Spenden zusammenzubringen, und in München hatte ein Bankier eine Reihe von Stiftern gewonnen, die größere Käufe für öffentliche Institute vornehmen wollten, allerdings unter der vorläufig nicht genehmigten Bedingung, diese Beträge vom Gewinn oder Einkommen absetzen zu dürfen. Man muß dieses Eisen schmieden, solange es heiß ist, aus Kreditverhandlungen Ankaufsverhandhingen machen und den so selten gewordenen Opferwillen einzelner Bürger mit staatlichen Mitteln stärken. Die kühlen Rechner des Hauses Breitkopf hätten dabei allerdings einzukalkulieren, daß es sich bei einem Verkauf nicht um ein nacktes Geschäft handeln kann. Denn die Breitkopfschen Autographen sind – leider – auch ein Politikum. Das Enteignungsurteil über das Haus in Leipzig führt die Verbringung der Autographen nach dem Westen in der Begründung an. So liberal die Geschäftsführung im Westen auch sein mag – es zeugt nicht gerade von Takt, ausgerechnet nach diesem Urteil eine Auktion anzuberaumen, aus deren Ergebnissen sich im Osten allzu leicht politische Münze hätte schlagen lassen. Zumal ohnehin seit dem Tode von Geheimrat Volkmann die Musen das Haus Breitkopf verlassen haben und mit der Familie von Hase kältester Geschäftsgeist regiert. Die erbärmliche Bezahlung von Angestellten und Autoren war schon in Leipzig sprichwörtlich. Auch die Bedingungen, zu denen die Werke junger Komponisten in Verlag genommen werden, sprechen jedem kulturellen Verantwortungsbewußtsein Hohn. Auch das muß sich ändern, wenn für Aufbauzwecke des Verlages mittelbar öffentliche Mittel in Anspruch genommen werden.

Der Bund verfügt, da die preußischen Sammlungen besitz- und verwaltungsmäßig in der Luft hängen – nur der Finanzminister schlägt Kapital aus dem Ausleihen der Bilder des Kaiser-Friedrich-Museums nach Schaffhausen, übrigens eine legitime Quelle für Ankaufsmittel –, lediglich über eine Sammlung, auf die er Einfluß zu nehmen vermag: das Germanische Museum in Nürnberg. Es ist eine öffentliche Stiftung, in der der Bund Sitz und Stimme hat. Hier wäre eine Auffangstelle, die, solange Berlin nicht aktionsfähig ist, gefährdetes Kulturgut rechtzeitig bergen könnte. Dort werden Gemälde und Zeichnungen, Stiche, Bücher und Autographen, Plastiken und Goldschmiedearbeiten sowie Volkskunst gesammelt, so daß eine organische Einordnung neuer Erwerbungen in vorhandenen Besitz möglich ist und sie so dauerndes Eigentum der Nation werden. Erhard Göpel