Eine Handvoll kleiner dreckiger Strolche hat es bewirkt, daß ganz Paris ins Kino kam“, schrieben die Zeitungen nach der Premiere des Radvanyi-Films „Irgendwo in Europa“. Und nach dem zweiten Film des ungarischen Regisseurs Radvanyi – „Frauen ohne Namen“ – der in diesen Wochen in der Bundesrepublik läuft, erklärte André Gide dem Regisseur: „Sie haben mich zutiefst zu rühren vermocht, Monsieur, und das ist nicht so leicht.“

„Als ich danach allein war“, erzählt Geza Radvanyi, „da habe ich gelacht! Es war alles gut gemeint, aber wer konnte wissen, wie mir zumute war. Und als ich lachte, wußte ich, daß ich mich noch einmal gefangen hatte und noch keine Gefahr für mich war.“

In Kaschau in Ungarn, wurde Radvanyi geboren. 1919, als er 11 Jahre alt war, wurde seine Heimat von Tschechen besetzt. „Bei uns war eben Waschtag und unsere Hilfe fragte meine Mutter: ‚Ich bin als ungarische Waschfrau hinuntergegangen und komme als tschechische Waschfrau wieder rauf. Wie ist das nun eigentlich?‘ Ich habe das selbst auch nie verstanden.“

In seine ungarische Heimat mußte er als Tscheche zum Studium fahren. Wien, Italien, Frankreich waren seine nächsten Stationen, und dieses bewegte Leben in europäischen Ländern wurde ebenso bestimmend für sein späteres Werk, wie sein erster Beruf. Mit 18 Jahren schrieb er als Journalist und Reporter beim Völkerbund für ungarische Zeitungen, bis er eines Tages zu der Überzeugung gelangte, daß er sich in Worten nicht so gut auszudrücken vermöchte, wie in der Bildersprache des Filmes. Aber er blieb „unterwegs“. Österreich, London, Italien, Spanien, wieder Paris, Berlin – ein ruheloser Fremder auf den Landstraßen Europas. Dazwischen „noch einmal der Versuch, an der Wiener Hochschule für Welthandel zu studieren und ein ordentlicher Bürger und ein anständiger Mensch zu werden“!

Einen Tag vor Kriegsausbruch kehrt Radvanyi nach Ungarn zurück. Hier entstehen seine ersten eigenen Filme. „Geschlossene Verhandlung“, „Europa antwortet nicht“, „Tagebuch einer Schauspielerin“, „Zaubermantel“, der erste Farbfilm mit seiner Frau Maria von Tasnady. Als sie in Italien eben einen Arztfilm um das Gelbfieber beendet haben, wirft sie beide eine schwere Krankheit nieder und fesselt ihn und seine gelähmte Frau für lange Monate ans Bett.

„Gott sei Dank, daß ich krank wurde, denn sonst wäre ich nie darauf gekommen, daß alles Dreck war, was ich bis dahin gedreht hatte.“ In einer schweren persönlichen und künstlerischen Krise erlebt Radvanyi das Kriegsende. Belagerung von Budapest, Verhaftung durch die Russen, Verschleppung, auf dem Marsch von einem Lager in ein anderes von Schauspielern auf der Straße erkannt und durch ihre Bemühungen wieder freigelassen. Todkrank und völlig zerlumpt von Kindern aufgelesen, die ihn pflegen und ihm helfen. So hat er seinen nächsten Film „Irgendwo in Europa“ selbst erlebt ...

„Im Grunde bin ich der ewige Reporter geblieben“, sagt er, „meine Aufgabe ist es, das darzustellen, was ich beobachte und sehe. Ich glaube an die Zukunft der nächsten Generation und darum steht im Mittelpunkt meiner Filme auch immer das Kind. Die Menschen sind nicht böse, sondern nur zu faul, um gut zu sein“, sagt Radvanyi. „Ich glaube nicht an festgelegte Stile. Jedes. Sujet bedingt seinen eigenen Stil, in dem es ausgeführt werden muß. Für mich bedeutet das, die Welt unter die Lupe zu nehmen, ihr Bild zu vergrößern und das Wichtigste zu zeigen. Man muß dabei so nahe an der Wahrheit bleiben, wie nur menschenmöglich.“ Nach seiner Meinung, über die Methode des „Neorealismus“, die Menschen von der Straße spielen zu lassen, befragt, sagte er lächelnd: „Ich kann mir vorstellen, daß man auch mit Schauspielern einen guten Film machen kann.“