Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Oktober

Wie ist es möglich, daß in Betrieben der Deutschen Demokratischen Republik Arbeiter ihren eigenen Interessen mit voller Faust ins Gesicht schlagen?“, das fragt in einem vierzehn Spalten langen Artikel Rudolf Herrnstadt in dem von ihm geleiteten Zentralorgan der SED. Herrnstadt ist Vertrauensmann des Politbüros; selten schreibt er selbst. Aber wenn er sich vernehmen läßt, dann darf er heikle, kitzlige, delikate Fragen, die keinem anderen zu behandeln erlaubt sind, unter die Feder nehmen. Diesmal ergreift der Chefideologe das Wort, weil es in den Fabriken und Betrieben der Sowjetzone rumort.

Unwahrscheinliches spielt sich seit Wochen in der „volkseigenen“ Industrie ab. Das „Neue Deutschland“ Herrnstadts nennt nur einen Fall: „In der Fabrik für graphische Maschinen ‚Optima‘ in Leipzig wurde der Betriebskollektivvertrag zweimal von der Belegschaft abgelehnt. In der ersten Versammlung stimmten von etwa 100 Anwesenden 30 dafür, 39 dagegen, 13 enthielten sich der Stimme. Etwa acht Tage später stimmten von etwa 200 Anwesenden 42 dafür, 80 dagegen, die übrigen enthielten sich der Stimme.“ – So oder so ähnlich war es bei Leuna, im Stahlwerk Riesa, in Apolda, in Erfurt, in Suhl, in Leipzig, in Halle... Überall stimmten die Arbeiter gegen den Betriebskollektivvertrag, obgleich sie doch eigentlich dafür sein sollten. Die sowjetzonale Regierung, die diesen „Kollektivvertrag“ aus Rußland importiert hatte, war sicher, daß er auch in deutschen Fabriken Begeisterung erregen würde. Deshalb kam sie auf die Idee, abstimmen zu lassen. Doch die Arbeiter sahen im „Betriebskollektivvertrag“ nur ein neues Stück bolschewistischer Ausbeutung, sahen darin nur die Verewigung des antreiberischen Stachanow-Systems.

Betriebskollektivverträge sollen zwischen den Betriebsführungen und den kommunistischen Betriebsgewerkschaftsleitungen abgeschlossen werden und alle anderen Lohn- und Gehaltsverträge ersehen. Danach hängen alle tariflichen und sozialen Verpflichtungen gegenüber den Arbeitern davon ab, ob das Kollektiv der Arbeiter die „vertraglich festgesetzten Normen“ erfüllt. Die Normen aber werden, wie es der sowjetzonale Regierungserlaß besagt, „die Erfahrungen der Aktivisten und der besten Facharbeiter berücksichtigen und sie nach der wissenschaftlichen Methode des Ingenieurs Kowaljow und anderen wissenschaftlichen Erfahrungen der Stachanow-Arbeiter der Sowjetunion und der Volksdemokratien“ auswerten.

Der Widerspruch der Arbeiter kam hier und dort fast einer Revolte gleich. In einigen Werken so bei Leuna, ging es laut und heiß zu, bis Volkspolizeiaufgebote erschienen. Ganze Brigade von „Aufklärern“ wurden nun ins Land geschickt. Sie drohten mit der Senkung der Löhne; und schließlich sagten sie: Wenn der Widerstand der Arbeiter sich künftig noch solcher Begriffe wie „Ausbeutungssysteme“ und „Sklavenarbeit“ bediene, dann werde man ihnen mit wirkungsvolleren demokratischen Mitteln beizukommen wissen, denn dieser Kollektivvertrag sei der klare Ausdruck der sowjetischen Leistungsmethode, und wer hier lebe, der müsse ja wissen, was gespielt wird. Nicht so der Ideologe Herrnstadt. Er interpretiert die große Kalamität mit östlich-selbstkritischen Darlegungen: „Wir haben trotz vorliegender Signale mit den Genossen im Bundesvorstand des FDGB den Sommer und Herbst hindurch Süßholz geraspelt. Wir hätten ihnen weit mehr geholfen, wenn wir ihnen freundschaftlich, aber unerbittlich gesagt hätten, daß wir mit der Schönfärberei, der Heilsarmeeatmosphäre, dem Bürokratismus in den Gewerkschaften nicht einverstanden sind, daß wir ihren empfehlen, Lenin und Stalin zu lesen.“ Und ’Herrnstadts Selbstanklage, die dann mit scharfen Attacken den Gewerkschaftsfunktionären die Schuld an der Unruhe zuschiebt, nennt noch ein paar andere Wahrheiten: „Nicht wenige unserer Funktionäre – in Betrieben und auf dem Lande – lieben es, zu ihrer eigenen Rechtfertigung zu erklären: die Massen sind eben rückständig; sie verstehen nicht, sie interessieren sich nicht.“

Was den Ausbeutungsvertrag anbetrifft, so ist Herrnstadt selbstverständlich uneingeschränkt dafür. Ja, er hat zu seinem Lobe den deutschen Arbeitern nächst dem makellosen sowjetrussischen Exempel das Beispiel Polens vorzuhalten: Dort sei der arbeitende Mensch viel fortgeschrittener als der deutsche, der nur deshalb zurückbleibe, weil er die Nähe des „an seiner eigenen Unproduktivität verfaulenden westlichen Teiles Deutschlands“ zu sehr spüre. Von Westdeutschland beispielsweise weiß Herrnstadt zu sagen: „Die Massen – wie sehen sie dort aus? Klein durch Entbehrung, kurzfristig lebend, Körperkraft entsprechend gering, Initiative verschüttet oder fehlgeleitet... Alles schleppt sich mit dem Kinn auf dem Boden vorwärts...“

Damit aber der in der Sowjetzone gegen das Suchanow-System sich auflehnende Arbeiter noch mehr erfahre, attestiert der Ideologe Herrnstadt der Sowjetzone, sie sei noch immer auf der untersten Stufe der bolschewistischen Entwicklung. – Seither hat das Zentralkomitee der SED sich in einer Sondersitzung ausschließlich mit der praktischen Frage beschäftigt, welche Maßnahmen ergriffen werden müßten, die ostzonale Arbeiterschaft dazu zu zwingen, die Sowjetisierung der Arbeit, wie sie sich im Kollektivvertrag ausdrückt, als einen „entscheidenden Beitrag zum Fortschritt“ anzunehmen.