Walter Jens: Der Blinde (Rowohlt Verlag. Hamburg 132 S., Leinen 7.90 DM).

Nicht jeder, der auf der Höhe seiner besten und tätigsten Jahre das Augenlicht verliert, hat die geistige Kraft, aus dem furchtbaren Verlust einen Gewinn zu machen und über der Erblindung zum „Seher“ zu werden. Und doch wird und muß sich auch im bescheidensten Durchschnittsmenschen etwas Analoges vollziehen: die Konzentration aller Kräfte auf den Ausbau der Innenwelt.

Ein Durchschnittsmensch ist auch „Der Blinde“ von Walter Jens. Einen vierzigjährigen Volksschullehrer und Familienvater warf die Nachwirkung einer Scharlach-Erkrankung in die ewige Dunkelheit. Mit den Steinen eines Baukastens, den ein Freund ihm brachte, ertastet er sich eine innere Rekonstruktion der Außenwelt. Quadrate und Würfel, die bekannte Gegenstände – Häuser, Wege, Bahnen – symbolisieren, dienen dem Kranken dazu, die erinnerten Dinge für alle künftigen Gegenwarten zu retten, sie dem vorstellenden Bewußtsein „greiftar“ zu erhalten. Allein was zunächst ein Akt der Selbsterhaltung ist, enthält auch schon die Gefahr einer zweiten, vollkommeneren Selbstabschnürung. Was notwendigerweise den Charakter eines „Spieles“ hat, droht die verinnerlichte Existenz einer Gedankenspielerei anheimzugeben, die den Kranken immer hoffnungsloser von seiner Umgebung isoliert.

Vielleicht überfordert der Autor die an sich sehr schöne „Baukasten“-Symbolik doch ein wenig, wenn er diese Gefahr der Weltentfrem-

dung dadurch beschwört, daß er den Blinden darüber belehren läßt: er dürfe das Spiel nicht allein spielen, er müsse seine Frau – die schon aus seiner Welt herauszufallen droht – daran teilnehmen lassen, und zu diesem Zweck einen zweiten Kasten gleicher Herkunft bereithält. An diesem Punkte der Erzählung, gerade gegen den Schluß, schleicht sich beim Leser an Stelle der letzten Bezwingung durch ein Gleichnis die Frage nach der Zweckmäßigkeit einer therapeutischen Methode ein.

Und das ist schade. Denn: als dichterische Konzeption ist diese Novelle ein kleines Meisterstück; nicht weniger auch als sprachliches Kunstwerk, dessen knappe, beinahe trockene Wortprägung die unpathetische Poesie lebhaftester Anschaulichkeit birgt. W. Abendroth