Hier stoßen die Affäre Schumacher und der Fall Platow zusammen. Die „Machenschaften um den Aktendiebstahl“, so rief Dr. Schumacher erregt, „sind nichts als ein Ablenkungsversuch vom Fall Platow“. Und also setzt nun auch die SPD – parallel zu dem bereits laufenden parlamentarischen Untersuchnungsverfahren „Schumacher“ – ihrerseits die Einberufung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses „Platow“ durch. Motto: „Haust du meinen Schumacher, hau ich deinen Platow.“ Die Chancen in diesem unerfreulichen Zwist der politischen Parteien sind etwa gleich; Zwar ist in der Affäre Schumacher bereits so gut wie alle Munition verschossen, aber dieser Nachteil für die Koalitionsparteien wird dadurch aufgewogen, daß die SPD im Fall Platow mangels Beweise nicht viel unternehmen kann.

Wer ist nun dieser Dr. Robert Platow, der Herausgeber eines gleichnamigen Informationsdienstes, der zusammen mit seinem Mitarbeiter Dr. Wegerich unter dem Verdacht der Beamtenbestechung und wegen des „Verrats von Geheimnissen“ verhaftet und inzwischen, gegen eine Kaution von 100 000 DM wieder auf freien Fuß gesetzt wurde? Er ist ein Informations-Genie! Es führt ein gerader Weg von jenem Telefonanruf in den dreißiger Jahren, durch den der damals seit 200 Jahren bestehende „Hamburgische Correspondent“ ausgerechnet von dem Wirtschaftsredaikteur der Magdeburger Zeitung, Dr. Platow, aus Magdeburg über die Fusionierung von Hapag und Lloyd in Hamburg unterrichtet wurde, bis zu jenem Brief, den der Direktor der Bank für Wiederaufbau, Hermann Abs, zwanzig Jahre später erhielt. Abs hätte vertraulich über die deutschen Auslandsschulden referiert und Platow Informationen darüber verweigert. Und dann? Hören wir Abs selbst: „Zwei Stunden später“, so erklärt er, „erhielt ich eine Abschrift des Protokolls dieser vertraulichen Sitzung. Daran hing eine Visitenkarte, auf der gedruckt zu lesen stand Dr. Robert. Platow, und mit der Hand geschrieben darunter: König der Informationen.“

Die Atmosphäre allgemeinen Mißtrauens, die Platows Veröffentlichungen hervorriefen, so sagten die Leute, die es wissen müßten, diese Atmosphäre sei es gewesen, die zur Aufrollung des Falles geführt habe: Galt es einen neuen Posten zu besetzen, so führten die Gegner etwaiger Kandidaten mehr als einmal das ebenso schlagende wie unüberprüfbare Argument ins Feld: „Er ist ein Platow-Agent“, und dieses Argument zog, als wären dem Anwärter kommunistische Neigungen nachzuweisen. Brachte ein neuer Platow-Dienst irgendein Bonner Geheimnis zutage, so war für Wochen die Zusammenarbeit zwischen den davon betroffenen Ministerien gefährdet; wer hatte was verraten und warum, fragte sich jeder. Und als eines Tages der Vertreter der Gewerkschaften, Herr vom Hoff, dem Bundeskanzler freundlich lächelnd sagte:„Es wäre doch schön, Herr Bundeskanzler, wenn wir in Zukunft Ihre Gesetzentwürfe durch Sie anstatt regelmäßig durch den Platow-Dienst erführen“, da soll dem Kanzler die Geduld gerissen sein. Anfang November vorigen Jahres wurde der Staatssekretär im Justizministerilm, Strauß, der sich schon in der Hauptstadtfrage als treuer Gefolgsmann des Kanzlers erwiesen hatte, auf Platows Fährte gesetzt...