Gottfried Benn empfing den Georg-Büchner-Preis

Darmstadt, im Oktober.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verlieh am 21. Oktober in einem Festakt, der im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe zu Darmstadt stattfand, den diesjährigen Georg-Büchner-Preis an den Dichter Gottfried Benn. Der Präsident der Akademie, Dr. Rudolf Pechel, würdigte den Preisträger in einer kurzen Ansprache, die sich wesentlich auf Zitate aus dem Aufsatz „Der Diagnostiker“ in der vorigen Nummer der „Zeit“ stützte. Benn, so sagte Dr. Pechel, sei ein scharfer, unbestechlicher Diagnostiker unserer Zeit und ihrer „Werte“ – gerade das prädestiniere ihn für einen Preis, der den Namen Georg Büchners, des kompromißlosen und revolutionären Diagnostiker seiner Zeit trage.

In der Verleihungsurkunde heißt es: Die Deutsche Akademie ehrt in Benn „den Dichter, der streng und wahrhaftig gegen sich selbst, in kühnem Aufbruch seine Form gegen die wandelbare Zeit setzte und in unablässigem Bemühen, durch Irren und Leiden reifend, dem dichterischen Wort in Vers und Prosa eine neue Welt des Ausdrucks erschloß“. Etwas hilflos, nicht gewohnt, im Scheinwerfer der Wochenschaukameras und im Blitzlicht der Reporter zu stehen, nahm Cottfried Benn den Preis entgegen. In seiner Dankansprache wies er auf die ungewöhnliche Situation dieser Ehrung hin. „Der Dorf junge aus Goddelau, Sohn eines Arztes, und der Dorf junge aus Mansfeld, Sohn eines Pfarrers, übrigens beide Ärzte, kommen in diesem Augenblick in Berührung. Was verbindet sie?“

Bevor Benn nach Darmstadt reiste, so sagte er, habe er Büchners „Woyzeck“ gelesen. „Schuld, Unschuld, Armseligkeit, Mord, Verwirrung sind die Geschehnisse. Aber wenn man es heute liest, hat es die Ruhe eines Kornfeldes und kommt wie ein Volkslied mit dem Gram der Herzen und der Trauer aller.“ Aber welcher Aufruhr, welche Verzweiflung verbirgt sich hinter der Ruhe des Toten – es ist derselbe Aufruhr, der jeden schöpferischen Geist heimsucht. Wer ihm ausgeliefert ist, „ob vierundzwanzig oder sechzig Jahre, kennt die Züge der roten Häupter“, dieser unheilvollen Dämonen, die den Künstler bedrängen.

„Die Lebenden und die Toten, die Generationen hin und her – erst von weitem sieht man, wie es ineinandergreift. Wir fahren durch die Städte, sehen die Fenster aufleuchten, die Bars erstrahlen, die Paare schlängeln sich im Tanz, und in einem der Häuser wohnt nach hinten einer dieser Flüchtigen und schlägt die Welt wie einen Mantel um sein Herz, um es zu stillen.“

Zum Abschluß der Feier las Intendant Gustav Rudolf Sellner mit Mitgliedern des Landestheaters Darmstadt das Gespräch „Die drei alten Männer“. In diesem Werk zieht Benn mit alten scher Schärfe die Bilanz des Menschen aus der Perspektive des lyrischen Ichs. Die Gäste der Feierstunde, darunter namhafte Persönlichkeiten des geistigen Deutschlands, waren gepackt und betroffen. Heinz Friedrich