Von Ernst Jünger

Aus der soeben bei Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M., erschienenen Schrift „Der Waldgang“ teilen wir einige zentrale Abschnitte mit.

Der Einzelne ist heute genau so souverän wiein jedem anderen Abschnitt der Geschichte, ja vielleicht stärker noch. Im Maße nämlich, in dem die kollektiven Mächte Raum gewinnen, wird der Einzelne aus den alten, gewachsenen Verbände! herausgesondert und steht für sich allein. Er wird nun der Partner des Leviathans, ja sein Bezwinger, sein Bändiger...

Das ist ein seltsames Bild: ein Einzelner oder auch viele Einzelne, die sich dem Leviathan gegenüber zur Wehr setzen. Und doch erweisen sich gerade hier die Stellen, an denen der Koloß gefährdet ist. Man muß nämlich wissen, daß selbst eine winzige Zahl von Menschen, die wirklich entschlossen sind, nicht nur moralisch, sondern auch tatsächlich bedrohlich werden kann. In ruhigen Zeiten wird man das nur an den Verbrechern sehen. Immer wieder wird man erleben, daß zwei, drei Apachen ganze Großstadtviertel in Aufruhr setzen und langwierige Belagerungen verursachen. Wenn sich nun das Verhältnis umkehrt, indem die Behörde kriminell wird und rechtliche Menschen sich zur Wehr setzen, können sich unvergleichlich größere Wirkungen auslösen...

Wir wollen annehmen, daß in einer Stadt, in einem Staate noch eine gewisse, wenn auch geringe Anzahl von wirklich freien Männern lebt. In diesem Falle würde der Verfassungsbruch von einem starken Risiko begleitet sein. Insofern ließe sich die Theorie der Kollektivschuld stützen: die Möglichkeit der Rechtsverletzung steht im genauen Verhältnis zur Freiheit, auf die sie stößt. Ein Angriff gegen die Unverletzbarkeit, ja Heiligkeit der Wohnung zum Beispiel wäre im alten Island unmöglich gewesen in jenen Formen, wie er im Berlin von 1933 inmitten einer Millionenbevölkerung als reine Verwaltungsmaßnahme möglich war. Als rühmliche Ausnahme verdient ein junger Sozialdemokrat Erwähnung, der im Hausflur seiner Mietswohnung ein halbes Dutzend sogenannter Hilfspolizisten erschoß. Der war noch der substantiellen, der altgermanischen Freiheit teilhaftig, die seine Gegner theoretisch feierten. Das hatte er natürlich auch nicht aus seinem Parteiprogramm gelernt.

Wenn wir nun ferner annehmen wollen, daß in jeder Berliner Straße auch nur mit einem solchen Falle zu rechnen gewesen wäre, dann hätten die Dinge anders ausgesehen. Lange Zeiten der Ruhe begünstigen gewisse optische Täuschungen. Zu ihnen gehört die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung gründe, durch sie gesichert sei. In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint. Nur wird diese Wahrheit nicht immer sichtbar und soll auch keinen Einwand gegen Verfassung abgeben. Es gilt das alte Wort: der Mann steht für den Eid, nicht aber der Eid für den Mann. Hier liegt einer der Gründe, aus denen die neue Legislatur im Volke auf so geringe Anteilnahme stößt. Das mit der Wohnung liest sich nicht übel, nur leben wir in Zeiten, in denen ein Beamter dem anderen die Klinke in die Hand drückt.

Man hat dem Deutschen den Vorwurf gemacht, der amtlichen Gewalttat nicht genügend Widerstand entgegengesetzt zu haben, vielleicht mit Recht. Er kannte die Spielregeln noch nicht und fühlte sich auch von anderen Zonen her bedroht, in denen weder jetzt noch jemals vorher von Grundrechten die Rede war. Die Mittellage kennt immer zwei Bedrohungen: sie hat den Vorteil, aber auch den Nachteil des Sowohl-als-auch. Noch werden jene, die inzwischen in aussichtsloser Lage, ja unbewaffnet, bei der Verteidigung ihrer Frauen und Kinder fielen, kaum gesehen. Auch ihr einsamer Untergang wird bekannt werden. Er ist ein Gewicht in der Waagschale...