Erzählung von Kurt Schmeltzer

Es war ein riesiger Wartesaal, in den ich dann eintrat. Er schien gedrängt voll, aber ich konnte doch mit meinem Manuskriptenbündel unbehindert hindurchkommen. War da kein einziges vertrautes Gesicht? Alles schien schattenhaft; fremd und bekannt zugleich. Es hatten doch so viele vor mir schon die große Reise angetreten – Richtig! Dort am Tisch saß Vater mit seinen drei Brüdern. „Komm, setz dich zu uns“, sagte er und rückte ein wenig zur Seite. „Wir müssen noch ein Weilchen auf Mutter warten.“

Er schien weiter nicht überrascht, mich zu sehen, und fuhr in der Unterhaltung mit seinen Brüdern fort. Nur Onkel Gottfried sah bedenklich mein Bündel an, das ich vor mir auf den Tisch gelegt hatte. „Ist das alles, was du mitbringst?“ fragte er. Sie hatten umfangreiche Koffer neben ihren Stühlen stehen. „Ja“, antwortete ich. „Was hätte ich sonst mitnehmen sollen?“ „Da, sieh unser Gepäck!“ sagte er stolz und stieß mit dem Fuß an seinen großen Koffer. Mir schien, es klang hohl und leer, und der große Koffer schwankte auch und kippte zur Seite. Onkel Gottfried faßte schnell zu und stellte ihn wieder zurecht.

„Wartet ihr denn schon lange hier?“ fragte ich. „Lang oder kurz, das spielt nun keine Rolle mehr“ antwortete Onkel Fritz. „Trinkst du schon Bier?“ setzte er hinzu und hielt einen vorüberflitzenden Kellner an seinem Frackschoß fest. „Ein Gläschen für den Jüngling da!“ sagte er gönnerhaft.

Der Kellner stellt ein leeres Glas neben mein Bündel; Onkel Fritz faßte in die Tasche, zog seine Börse, fingerte darin herum, drückte dem Kellner etwas in die Hand; ich sah deutlich daß alles nur Geste war. Der Kellner dankte höflich und verschwand. „Prosit ihr alle!“ sagte Onkel Fritz als der Älteste. Wir hoben unsere leeren Gläser, stießen an und taten, als ob wir tränken. „Eine schöne Mütze hast du“ sagte Onkel Albert, der jüngste der vier, auch schon ein Weißbart, freundlich zu mir. Ich hatte eine weiße Schüler- übermütze auf dem Kopf und kam mir in diesem überlegenen Kreise so klein und unbedeutend vor wie ehemals.

Kielhorn ging vorüber, rotbäckig wie immer, und hatte zu meinem Trost gleichfalls eine weiße Mütze auf. Kielhorn, der im ersten Weltkrieg gefallen war. „Da bist du ja!“ sagte er vergnügt. „Komm, wir haben drüben eine Kneiptafel. – Die Herren gestatten doch?“ wandte er sich an die übrige Runde. „Trink nicht zuviel, Junge“, sagte Vater, Aber Onkel Fritz lachte und meinte, das mache nun nichts mehr. „Ich blättere derweil ein wenig in deinen Manuskripten“, sagte Onkel Gottfried, machte schon mein Bündel auf und zog Federhalter und rote Tinte hervor. „Guck, den Schulmeister!“ lachte mir Kielhorn ins Ohr. Er war vor Zeiten Onkel Gottfrieds Schüler gewesen. „Nun komm, die andern warten!“

An einem langen Tisch saßen sie alle, die alten Kameraden, hoben ihre leeren Gläser und tranken uns zu. Ich wunderte mich ein wenig, daß es so viele waren – ich hatte nur von einigen gehört, daß sie die große Reise schon vor mir angetreten hatten.