Das „Turnier der Sieger“ – Die Passionierten in Vornholz

Von Josef Mareiri

Man spricht hier nicht von Leidenschaft; man spricht von Passion. Um es stilgerecht zu sagen: sie waren alle passioniert, die am vorletzten Wochenende in Vornholz zusammenkamen, Hunderte, Tausende; sie waren „pferdepassioniert“. Das ist in schlechtem (Fach-)Deutsch der gebräuchlichste Ausdruck für den psychischen Zustand, leidenschaftlich in edle Pferde verliebt zu sein. In dieser Passion gehen die Vornholzer voran: Wenn das harte Bauernjahr vorüber ist, die Felder abgeerntet sind, veranstalten sie das „Turnier der Sieger“. Die „Vornholzer“ –: das ist nicht nur der Baron Clemens Nagel, dem das Rittergut Vornholz bei Oelde, auf fetter westfälischer Erde, gehört, sondern das sind alle Angestellten und Arbeiter dieses – na, schätzen wir: 8000-Morgen-Betriebes. Alle „pferdepassiotiert“. Das Jahr hindurch haben sie keine Zeit, von ihrer Arbeit aufzusehen. Aber wenn die Herbstsonne auf die Stoppelfelder scheint, dann leisten sie sich ein wahrhaft generöses Fest, das nur der Enthusiasmus zustande bringen kann. Es ergeht eine Einladung an alle Reiter, die auf den Turnieren des Jahres als die Besten geglänzt haben. In den Ställen werden Boxen für die Pferde der Gäste frei gemacht; eine Wiese wird zum Auto-, Motorrad-, Fahrrad-Park; Tribünen werden errichtet; es werden Zirkel für die Dressur-Prüfungen angelegt; doch vor den Tribünen werden für die Springpferde Hindernisse aufgebaut, wie es schwerere nicht gibt. Zweieinhalb Tage lang, vom Freitag nachmittag bis zum Sonntag abend, folgten die Zuschauer – Kopf an Kopf gedrängt – dem Spiel der Pferde. Viele dieser Schaulustigen waren bekannte „Passionierte“; die Mehrzahl waren Bauern aus der Umgebung, passioniert auch sie.

Zunächst war es erstaunlich, wieviel Zuschauer sich für die Dressurprüfungen begeisterten, die doch der stille, feine, gar nicht sensationelle Teil eins solchen Turniers sind. Vorgeführt wurden die Olympia-Dressuraufgaben von 1936, die bei den nächsten Olympischen Spielen in Helsinki wiederholt werden sollen. Ein kompliziertes Wechselspiel verschiedener Gangarten, eine Parade, in der das Ästhetische triumphiert. Um es gleich zu sagen: die Pferde des Gestüts Vornholz zeigten die größte Bravour; sie haben freilich einen Lehrer, wie man wohl keinen zweiten findet. Es ist Otto Lorke, der nach dem Kriege Potsdam verließ und in Vornholz eine gastliche Unterkunft und eine Arbeitsstätte fand. Wenn dieser zweiundsiebenzigjährige Mann im Sattel sitzt und wenn das Pferd unter ihm einhertanzt – keinen Schritt zuviel und keinen zuwenig –, begreift man, daß in diesen Exerzitien der Sport zur Kunst gesteigert ist.

Inzwischen war auf dem Parcour alles vorbereitet für den Höhepunkt des Jagdspringens. Aus dem Lautsprecher dröhnte es manchmal in drei Sprachen, denn es waren neben den deutschen, englische und französische Gäste erschienen: die ritten in Offiziersuniformen, die deutschen Reiter trugen meist den roten Frack. Der Wassergraben war ein besonders schweres Hindernis, und die meisten patschten hinein. Mit null Fehlern war noch keiner über die Runde gekommen, selbst vielgerühmte Reiter nicht. Da wurde die Nummer 21 aufgerufen. Ein Blick ins Programm: „21 – Pferd: Baden, Besitzer: H. Ewers – Reiter: Besitzer ...“

Frühmorgens, beim Frühstück, war von dieser Nummer 21 gesprochen worden. Und Herr von Killisch-Horn, einer der Turniersport-Experten, hatte angedeutet... Also, mit einem Wort: Wenn es da Leute gibt, denen die edle Reitkunst vornehmlich ein Sport der Herren ist, eine Übung chevaleresker Romantik, wie Rudolf Binding sie so beredt gepriesen hat, dann muß diese Nummer 21 im Programm ihnen ein Dorn im Auge sein. Was, wenn der beste Reiter vom Vornholzer „Turnier der Sieger“ bestimmt sein wird, die deutsche Reiterei bei der Olympiade in Helsinki zu vertreten? Das Ausland erwartet vielleicht, einen vollendeten Kavalier vom Schlage jenes Freiherrn von Langen zu sehen, der in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg draußen alle Sympathien eroberte: ein feingebildeter, eleganter, mutiger, dabei zurückhaltender und bescheidener Mann, ein wahrhaft idealer Sendbote. Was aber, siegt Nummer 21? Es ist darüber debattiert worden, sagte von Killisch-Horn, und er ließ keinen, Zweifel, wem seine und der besten und nobelsten deutschen Reiter Sympathie gehörten...

Als die Nummer 21 durch den Lautsprecher aufgerufen wurde, ritt ein junger Bursche im schwarzen Frack vor. Auf einer hochbeinigen, gar nicht hübschen Stute. Das war der einfache holsteinische Bauernjunge Ewers, und das war sein Wunderpferd „Baden“, das aussah, als wollte es mit allen vieren zugleich in die Luft gehen, wobei es den Schweif über der Kruppe krümmte wie ein Posthorn. Fürwahr, es war – nach dem äußeren Bilde – nicht der Gipfel der Eleganz. Es sah so aus, als sollte gezeigt werden, „was eine Harke ist“. Und es war eine. Völlig mühelos – zwar hastig, wie es schien, aber gekonnt – setzte „Baden“ über all die Hindernisse hinweg, bei deren Anblick einem der Atem vergehen konnte. Andere Pferde warfen Stangen ab oder weigerten sich, die höchsten Sprünge anzugehen – „Baden“ nicht. „Baden“ und der einfache Junge im schwarzen Reiterfrack entledigten sich der Aufgaben untadelig, wobei sie beide ein fast landsknechthaft draufgängerisches Tempo vorlegten und zugleich den Eindruck einer geradezu biedermännischen Konzentration zeigten. Man hatte das Gefühl: ‚Auf einem anderen Pferd reitet Ewers nicht so gut (er ritt nicht gerade schulmäßig); und unter keinem anderen Reiter gibt „Baden“ so über alle Maßen großartige Leistungen her.’ Vielleicht war dies ein – schwacher – Trost für die, denen die beiden ein olympischer Dorn im Auge sind?