Paris, im Oktober

Die französische Handelsflotte, von der der Krieg weniger als ein Drittel – 850 000 BRT. von 2,7 Mill. BRT. – und meist veraltete Typen übrigließ, ist in fünf Jahren wiedererstanden. Heute ist sie stark verjüngt, der Tonnage nach mit über 3 Mill. BRT. bedeutender denn je. Vor dem Krieg an achter Stelle, steht sie nun auf dem fünften Platz nach Amerika, Großbritannien, Norwegen und nach Panama. Dem Alter nach (zu 60 v. H. unter zehn Jahren; vor dem Krieg 28 v. H.) wird die französische Handelsflotte nur von Schweden und Japan übertroffen.

Statt 43 v. H. Passagierschiffe, die Frankreich vor dem Krieg hatte, sind heute nur 24 v. H. vorhanden, dafür aber an Stelle von 45 v. H. Frachtern 55 v. H. Der Anteil der Tanker erhöhte sich von 12 auf 21 v. H. Bei der Zurückdrängüng des Passagierschiffraumes spielt die zunehmende Bedeutung des Luftverkehrs eine Rolle, der heute bereits 30 v. H. der Besucher aus Übersee nach Frankreich bringt. In den ersten Jahren kam noch die Notwendigkeit hinzu, für die Einfuhr der Rohstoffe den französischen Markt vom Ausland möglichst rasch unabhängig zu machen. Die Reedereien, die auf den Verkehr mit den französischen Überseegebieten spezialisiert sind, die Messageries Maritimes und die Chargeurs Réunis, gehen immer mehr dazu über, Fracht- und Passagierdienst zu verbinden. Dafür wurden zunächst Schiffe für 5000 t Nutzlast und 200 Passagiere in Dienst gestellt; jetzt gibt man 10 000 bis 12 000 Tonnern mit 16 bis 17 Knoten für 8000 t Nutzlast und 250 Passagiere den Vorzug.

Das Bauprogramm wurde von dem Grundsatz bestimmt, durch höhere Geschwindigkeiten und größere Tonnage die Rentabilität zu steigern. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt heute bei 16 bis 18 Knoten statt 10 bis 13 vor dem Krieg.

Von der Flotte der 14 großen Luxusdampfer, davon zwei ehemalige deutsche, sind nur fünf übriggeblieben. Gegenwärtig prüft man Pläne, ob trotz der Konkurrenz des Flugzeugs die Möglichkeit für ein ähnliches Luxusschiff wie „Normandie“ gegeben ist. – Auch in Frankreich verdrängt der Motor immer mehr den Dampf. Nur 260 000 BRT. werden noch mit Kohle betrieben. Von dem jetzt im Bau befindlichen Schiffsraum sind bereits über 70 v. H. auf Motorbetrieb eingestellt (in Holland und Skandinavien sogar 90 v. H.).

Große Stabilität zeigt der Verkehr der einzelnen französischen Häfen. Marseille, Rouen und Le Havre, die 1938 mit 10, 7,7 und 6,7 Mill. t an der Spitze standen, haben diese Reihenfolge auf erhöhter Basis (11,3, 10,2 und 9,2 Mill. t) beibehalten. In diesen drei Häfen allein wird weit über die Hälfte des gesamten französischen Schiffsverkehrs abgewickelt. Bordeaux hat stark an Bedeutung verloren. Der allgemeine Aufschwung wurde trotz des Rückgangs des Verkehrs mit dem Norden und Osten erreicht, für Marseille durch die Ausweitung des Afrikaverkehrs, für Le Havre und Rouen durch verstärkten Ölimport und die Intensivierung des Warenaustausches mit den USA und den eigenen Überseegebieten.

Die französischen Werften waren bei Kriegsende zu 60 v. H. zerstört. Daher mußte vieles, was bis 1947 französische Reedereien in Auftrag gaben, im Ausland gebaut werden. Heute aber sind die Werften wiederhergestellt, modernisiert und stehen mit einem Bauprogramm von 500 000 BRT. an führender Stelle (auf dem ersten Platz liegt Großbritannien mit 2 Mill. BRT.). Die Baukosten aber sind in Frankreich um über 30 v. H. höher als in Großbritannien, den Niederlanden oder Skandinavien. Aus diesem Gründe möchten die französischen Reedereien ihre Aufträge gern an das Ausland vergeben. Und da man daraus einen Rückgang in der Beschäftigungslage der Werften befürchtet, wurde vom Parlament ein Gesetzentwurf angenommen, wonach die Differenz zwischen den einheimischen und ausländischen Preisen für Neubauten und Großreparaturen durch Gewährung entsprechender Zuschüsse ausgeglichen werden soll. 7 Mrd. ffrs sind jährlich dafür vorgesehen. Infolge dieses Zuschusses hegt man die Hoffnung, künftig auch bei Auslandsaufträgen stärker berücksichtigt zu werden, zumal der französische Neubaubedarf kaum ausreicht, um die Werften ständig voll zu beschäftigen. Artur Rosenberg