Von Walther F. Kleffel

Als wir zum ersten Male auf die Wasserkuppe der Rhön zogen – das ist nun schon über dreißig Jahre her, und noch zehn Jahre früher waren bereits Darmstädter Schüler unter Führung von Hans Gutermuth dort gewesen –, nahm uns kaum einer ernst. Damals wußten wir selbst noch nicht, was alles aus dem motorlosen Fluge herauszuholen war und wie einmal die ganze Flugtechnik und die praktische Fliegerei durch ihn beeinflußt werden würden. Sogar ein so kluger und weitblickender Mann wie der ehemalige Inspekteur der Fliegertruppe, Wilhelm Siegert, hielt die ganze Sache für einen Witz und prägte das lustige Wort „Fudenazu“, was nicht mehr und nicht weniger heißen sollte als „Für um die Entente noch amal zu uzen“.

Unser Entschluß, an den Hängen der Rhön motorlos zu fliegen, entsprang also durchaus nicht technischen Erwägungen. Er entsprang allein dem-, Drange junger Menschen, in deren Herzen sich wieder, die Sehnsucht nach dem Fliegen regte, das sie im Kriege erlernt und das ihnen die Sieger von 1918 verboten hatten. Sie wollten fliegen, ob mit oder ohne Motor; das war egal. Der Not gehorchend taten sie es „ohne“. Das Fliegen wurde unbeschwert betrieben. Rein als Sport.

Später änderte sich das leider. Man war darauf aus, Rekorde und immer mehr „Wertkämpfe“ zu veranstalten. Und dann kam – sehr gegen den Willen der alten Segelflieger und ihrer ersten Führer und Förderer – die verdammte sogenannte vormilitärische Ausbildung dazu. Der Rummel mit der air-minded-nation („Jeder deutsche. Junge ein Flieger“) und der Fliegerhandwerker-Ausbildung wurden gestartet – der motorlose Flug erhielt nun auch einen „Zweck“. Schade! Im Anfang des Segelfluges hatte es keine Manager dieser schönen menschlichen Betätigung gegeben. Und da die „Alten“ ohnehin in dem Ruf standen, relativ harmlose Irre zu sein, machten sie sich nicht viel daraus und kümmerten sich nicht sonderlich um den schlechten Ruf, in den jeder kommt, der etwas tut, was nicht unbedingt so und so viele nützliche „Zwecke“ hat.

Wie kein anderer Sport sonst, braucht gerade der Segelflug große Mittel, um ihn wieder auf die Beine zu stellen. Ein Segelflugzeug kostet halt mehr als ein Paar Lauf- oder Schlittschuhe, als ein Fahrrad oder ein Ruderboot. Die Zeiten, da unsere Segelflieger Weltrekorde auf billigen Fluggeräten flogen, die aus alten Besenstielen, Klosettdeckeln und Bettüberzügen zusammengebastelt waren, sind längst vorüber.

Aber wir sollten gerade heute nicht vergessen –: der Segelflug schafft eine Gemeinschaft gleichgesinnter Kameraden (die man natürlich auch anderswo findet), bei der es aber mehr als bei anderen Sportarten auf das feste Band ankommt, das alle umschlingen muß, soll das gemeinsame Werk gelingen. Auf den kahlen Höhen der Rhön und in den Sanddünen von Rossitten, oder wo immer sie sich sonst noch getroffen haben mögen, hausten in zugigen Zelten, wackligen Bretterbuden die alten Kämpen mit den jungen Adepten: der Prinz fand sich mit dem Tischler, der Ministerialbeamte mit dem Polizeiwachtmeister zusammen, der Professor mit dem Studenten, der Gymnasiast mit dem Volksschüler –: im Segelflug galten nur der Mann und die Leistung. Und so muß es wieder werden.

Schließlich auch das noch –: Die „Welt“ brachte vor einiger Zeit unter dem Titel „Bitte“ in Ruhe lassen (Segelflieger brauchen Hilfe, aber keinen Vormund)“ eine kurze Ausführung, in der angeregt wurde, den Segelflug wie alle anderen Sports auch im Bundesinnenministerium betreuen zu lassen und sehr aufmerksam darüber zu wachen, daß nicht mit der Zeit etwa wieder so etwas wie eine vormilitärische Ausbildung (also ein „Zweck“) dabei herausspringt. Dieser „Notruf“, der Anstoß erregt hat, war völlig berechtigt. Seit dem Jahre 1923 stand auf der Wasserkuppe ein schönes Fliegerdenkmal. Es war der berühmte „Ruhende Adler“ von Gaul, und die Witwe Albert Ballins hatte sie dem „Ring der Flieger“ geschenkt. Auf dem Sockel standen die Worte: „Wir toten Flieger blieben Sieger durch uns allein, Volk flieg’ Du wieder und Du wirst Sieger durch Dich allein!“ Man hat diese Worte in der früheren Gemeinschaft der Herren Luftfahrt-Ministerialbeamten von heute immer sehr gerne gehört. Doch wohin wir geflogen sind und wie wir Sieger blieben, sehen wir täglich ...

Vor mir liegt ein Brief eines heute im Aero Club führenden Mannes, und er schreibt: „Wir ‚Alten‘ haben große Sorge, daß hier auch, die Zwecke wieder aufgebaut werden und daß dann junge Menschen fliegen, um im Dauerflug ihre geistlose Sturheit oder im Kunstflug ihr artistisches Können zu beweisen, und daß es vielleicht nur nebenbei einmal einem Invaliden aufgeht, daß ihm in seinem Fliegen ein alter Menschentraum in Erfüllung geht, unter Umständen zu einer Begegnung mit sich selber führt. Damit könnte das Segelfliegen beitragen, daß sich Persönlichkeiten formen. Das könnte ... um Gottes willen soll daraus aber kein neuer Zweck werden! Nicht panem et circenses, nicht ‚Theodor im Fußballtor‘, sondern die Möglichkeit zu fliegen, wie man gerade möchte, da, wo weder getreten verboten droht, noch Einbahnstraßen und Verkehrsschutzleute befestigt sind.“