Das Informationsamt der „Regierung“ des Saarlandes hat eine Propagandaschrift „Saar-Problematik in Dokumenten“ herausgegeben. Darin soll der Beweis geliefert werden, daß das Saarland nur durch eine enge Verbundenheit mit Frankreich lebensfähig und die Bundesrepublik gar nicht in der Lage sei, „die saarländische Produktion aufzunehmen und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Saarländer zu garantieren“. Zum Beweis dieser „Feststellung“ wird ein Dokument aus dem Jahre 1938 herangezogen: eine Struktur-Untersuchung der Saarwirtschaft durch das „Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit“. Auf jeder Seite der Propagandaschrift werden jene Argumente wortwörtlich zitiert, um so zu zeigen, wie gerade auch die maßgeblichen Stellen des Dritten Reiches davon überzeugt gewesen seien, daß das Saarland zu seinem Gedeihen einzig und allein den lothringisch-französischen Wirtschaftsraum nötig habe.

Daß ausgerechnet heute die Propaganda der Saarregierung sich auf Thesen des Nationalsozialismus stützt, mag verwunderlich erscheinen. Doch führend im Informationsamt der Regierung des Saarlandes ist ein Mann, der früher im Reichspropagandaministerium tätig war und dor: die nationalsozialistische Saarpolitik bearbeitete: Herr Kuhlmann. Er hat fürwahr bei Goebbels gelernt, die einfachsten Tatbestände zu verfälschen. Dennoch stellte der saarländische Ministerpräsident Johannes Hoff mann diesen NS-Propagandisten ohne Bedenken in seinen Dienst. Er hat mit der Leitung des Informationsamtes der Saarregierung obendrein den früheren Kommunisten Hoppe betraut und das saarländische Arbeitsministerium dem ehemaligen Gestapochef in Trier, Oberstaatsanwalt Welsch, übertragen.

Die Propagandaschrift „Saar-Problematik in Dokumenten“ ist ein Dokument dieser innigen Zusammenarbeit von ehemaligen Nationalsozialisten und Kommunisten, die sich gemeinsam auf jenen Bericht des „Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit“ aus dem Jahre 1938 berufen.

Was war denn überhaupt der Zweck dieser damaligen Strukturuntersuchung „Die Wirtschaft des Saarlandes“ (Druck H. Heenemann KG., Berlin)? Der Gauleiter Bürckel wollte Millionen-Kredite für die Rückgliederung des Saarlandes erhalten, um so die saarländische Wirtschaft und Sozialversicherung denen im Reiche anzugleichen. Das Saargebiet war ja gemäß dem Versailler Vertrage wirtschafts- und zollpolitisch Frankreich unterstellt. Das hatte sich selbstverständlich ausgewirkt: In Deutschland war die Industrie von 1921 bis 1932 rationalisiert worden; eine gewaltige Steigerung der Produktion war erfolgt; die Saarwirtschaft hingegen hatte an dieser Entwicklung nicht teilgenommen. Sie war daher technisch rückständig geworden. Nach der Rückgliederung bestand eine Hauptaufgabe darin, hier Abhilfe zu schaffen.

Wie liegen aber heute die Verhältnisse? Jene Propagandaschrift erklärt einfach, die Saarwirtschaft habe nur Absatzmärkte in Frankreich und Übersee. Tatsächlich muß aber das Saarland einen großen Teil seiner Produktion in der Bundesrepublik absetzen, die unter anderem jährlich rund vier Millionen Tonnen Saarkohle abnimmt. Die französische Saargrubenverwaltung subventioniert diesen Absatz, indem sie pro Tonne 900 ffrs zahlt. In den deutsch-französischen Handelsabkommen ist nämlich ein Austausch von Saarkohle und Ruhrkohle vereinbart, weil die lothringische Eisenhüttenindustrie für die Verhüttung des dortigen Minette-Erzes dringend die Ruhrkohle benötigt, da die Saarkohle sich dafür nicht eignet.

Die Saar-Problematik zeigt sich vor allem auch in der saarländischen Eisenindustrie. Die Hüttenwerke an der Saar verwenden zwar Saarkoks. Aber ihre Hochöfen halben nur eine mittlere Leistung von 290 t, die an der Ruhr dagegen 520. t. Der natürliche Absatzmarkt für Saar-Eisen ist transportmäßig Süddeutschland. Die zentrale französische Verkaufsorganisation gewährte daher auch jahrelang Zuschüsse für den Absatz von Eisen und Stahl aus dem Saargebiet nach der Bundesrepublik. Am 12. September dieses Jahres hat erst das Organ des Ministerpräsidenten des Saarlandes „Die saarländische Volkszeitung“ mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß früher 25 bis 30 v. H. des in Bayern verarbeiteten Eisens aus dem Saargebiet kamen. Sie forderte von den deutschen Regierungsstellen, die Zölle weiter zu stunden und die Frachtbasis zu verbessern. Es ist eigenartig, daß die Propagandaschrift „Saar-Problematik in Dokumenten“ alle diese Tatbestände ignoriert, obwohl der frühere Saar-Wirtschaftsminister, Dr. Franz Singer, bereits die Frage aufgeworfen hatte, ob die Saar-Eisenindustrie, die immerhin normalerweise zwei Millionen Tonnen Stahl jährlich produziert, überhaupt noch genügend wettbewerbsfähig gegenüber der benachbarten, durch Marshall-Plan-Gelder modernisierten lothringischen Hüttenindustrie sei. Das Saar-Eisen ist ein heißes Eisen der französisch-saarländischen Wirtschafts- und Zollunion. Sein Absatzproblem ist wohl zu lösen im Rahmen des Schuman-Plans, aber nicht durch eine Saarpropaganda à la Goebbels.

Die Schrift „Saar-Problematik in Dokumenten“ gefällt sich auch ferner darin, Leistungsvergleiche der Sozialversicherung an der Saar und in der Bundesrepublik anzustellen. Wohlweislich hütet sie sich aber, beispielsweise bei der Darstellung der Knappschaftsvollrente eines Kohlenhauers mit 25 Beitragsjalhren, verheiratet und mit zwei Kindern, die angeblich gezahlten Francs-Beträge in D-Mark umzurechnen. Es ist eine Verdrehung der Tatsachen, in die Welt hinauszuposaunen, daß die Sozialversicherung des Saargebietes erheblich besser sei als die in der Bundesrepublik. In Wahrheit liegen die Verhältnisse umgekehrt, und zwar gilt das für alle Rentenempfänger.

Schließlich muß man überhaupt die Saar-Problematik auf weitere Sicht betrachten. Die Wirtschaft des Saargebiets, vornehmlich seine Bergwerke und Hütten, ist auf die natürliche Bezugs- und Absatzverflechtung nach der Bundesrepublik angewiesen. Man würde das Saargebiet in einen Trümmerhaufen verwandeln, wenn man diese Verbindungen um der Propaganda willen preisgäbe. Nur auf einer gesunden Wirtschaft kann aber auch eine gesunde Sozialversicherung beruhen. Es liegt im Interesse des schaffenden Menschen an der Saar, daß das Saarproblem gereinigt wird. Deutschland und Frankreich könnten gemeinsam das Saargebiet zum Vorläufer für den Zusammenschluß der europäischen Staaten machen.