Von Claus Jacofc

Bonn‚ im Oktober

Zoologisches Forschungsinstitut“, so steht es in goldenen Lettern über dem schmiedeeisernen Portal des ehemaligen Museum König, in dem ein Teil der Bonner Verwaltung untergebracht ist. Und wahrlich, es ist eine absonderliche zoologische Spezies, die da nun schon seit Wochen von den Bonner Behörden teils untersucht, teils verschleiert, von allen aber gefürchtet wird. „Aktenklau“ wurde sie getauft.

Da ist der Fall Platow, da ist die Affäre Schumacher. jedesmal gab es Geheimnisse zu verkaufen, jedesmal waren hohe und höchste Politiker der Bundesrepublik darin verwickelt. Wer sich aufmacht, um an Ort und Stelle Studien zu treiben, kommt zu einem bitteren Resumé: Von dem Geist Platos, der den Staat von Philosophen regiert wissen wollte, ist in Bonn nicht viel zu spüren, von dem Geist Platows aber dafür um so mehr. C’est si Bonn ...

Nehmen wir zuerst die Affäre Schumacher. Sie ist, wie sich dies für eine marxistische Partei schickt, sehr viel doktrinärer und daher simpler als der Fall Platow. Niemand kann, so sagt ein Sprichwort, zwei Herren dienen. Herr Kaiser allerdings versuchte es gleich mit drei Herren – und fiel dabei herein. Als Amtsgehilfe im Bundeskanzleramt versorgte es nebenbei seinen SPD-Parteichef Dr. Schumacher und gleichzeitig noch den französischen Nachrichtendienst mit den geheimen Protokollen der Kabinettssitzungen. Über ein Jahr ging das gut. Dann wurde einer amerikanischen Nachrichtenagentur ein drittes Exemplar angeboten, sie benachrichtigte die Regierung – und in der Koblenzer Straße wurde man aufmerksam. Schließlich wurde von der Post ein nicht abgeholtes Paket geöffnet, geheime Protokolle samt Absender wurden entdeckt – und die Koblenzer Straße griff zu. Folgende; stellte sich heraus: Der Amtsgehilfe Kaiser, zu desesn Obliegenheiten es gehörte, die Kabinettsprotokolle zu hektographieren, hatte zweimal mehr als zulässig die Kurbel gedreht, die so entstehenden Duplikate über die Rheinbrücke nach Beuel getragen und sie ‚dort dem städtischen SPD-Abgeordneten Siegel ausgehändigt. Dieser nun sandte ein Exemplar gegen klingenden Lohn an Herrn Aguntius in Mainz, einen Zuträger der Sureté, und ein zweites Exemplar gratis und vermutlich zur Beruhigung seines Gewissens an seinen Parteichef Dr. Schumacher. Zweimal übergab Siegel die Protokolle seinem Führer persönlich, in allen weiteren Fällen wurde er von dessen Sekretärin, Frau Annemarie Renger, empfangen. – Fest steht, daß Schumacher nichts von der Kopie an den französischen Nachrichtendienst wußte; das bezweifeln nicht einmal seine erbittertsten Gegner. Umstritten ist hingegen die Behauptung mancher Leute, er habe den Protokollen eine solche Bedeutung beigemessen, daß er dem Überbringer Siegel stets seinen eigenen Wagen zur Verfügung stellte. Erstaunlich bleibt in jedem Falle die Unbefangenheit des Oppositionsführers, mit der er sein ungewöhnliches Verhalten bagatellisiert.

Das Unternehmen war bei Gott kein Kinderspiel. Alle Angestellten in Platows Hauptquartier in der Fehlandtstraße zu Hamburg, angefangen vom Postboten über die Reinmachefrau bis zu den Sekretärinnen, erwiesen sich als immun gegen etwaige Versuchungen. Monatelang wurden daher alle dubiosen Meldungen aus dem Platow-Dienst sorgfältig in einer Kartei gesammelt, verglichen, und man versuchte aus ihnen Schlüsse auf die Person des Informators zu ziehen. In einigen. Fällen gelang dies leicht. So bei dem Ersten Bürgermeister von Beuel, Dr. Schumacher-Hellmold; Bundesjustizminister Dehler hatte ihm in einem längeren Gespräch erklärt, der Minister für Wiederaufbau, Wildermuth, sei in einigen Fällen „zu weich“, und prompt fand man diesen Ausspruch wörtlich in Platows Informationen wieder. Oft aber standen die Untersuchenden vor schier unauflöslichen Rätseln. Ja, eines Tages schien die ganze Aktion sogar zu scheitern. Ein Beamter des Justizministeriums hatte seinen Kollegen vertrauensvoll und hoffnungsfroh erklätr, man sei Platow jetzt dicht auf den Fersen, und tags darauf lag ihm selbst die Abschrift eines Briefes vor, in dem ein unbekannter Informant Platow von diesem Ausspruch wörtlich unterrichtete. Allein Platow kümmerte sich nicht darum. Er schlug die Warnung in den Wind und wurde gefaßt. Glaubte er nicht an das Sprichwort von den vielen Hunden, die des Hasen Tod sind? Fühlte er sich unschuldig? Oder fühlte er sich aus anderen Gründen sicher?

Schon im Dritten Reich betrieb Dr. Robert Platow sein einträgliches Geschäft als Informant im großen Stil. Nur einmal drohte ihm damals, 1944, eine Panne. Als Ausgebombter hatte er einem sächsischen Industriellen seine Informationen im Austausch gegen ein vollständiges Porzellanservice angeboten. Doch der biedere Kaufmann war ober der in dem Probedienst enthaltenen Berichte über Nazi-Prominente so entsetzt, daß er sie der Partei übergab. Es kam damals zu keinem Verfahren, obgleich die Kanzlei Hitlers und die Gestapo sich mit dem Fall beschäftigten: Das Promi fürchtete einen Skandal. Und so wurde denn Dr. Platow samt seinen Informalen und Protektoren mit der Konkursmasse des Dritten Reiches mehr oder weniger ungeschoren von Bizonesien und dann von Bonn übernommen.