Die angesehene englische Wochenzeitschrift

„Sunday Times stellte kürzlich in einem Aufsatz zur Schuldenfrage fest, daß in Westdeutschland 10 Mill. Flüchtlinge seien, die hart trbeiteten und voll zu Westdeutschlands Produktion und damit Exportfähigkeit beitrügen: „10 million refugees fully contributing to Western Germanys production“. Das Blatt knüpft daran die Feststellung, daß wir bezüglich unserer inneren Position keinerlei Grund hätten, Konzessionen in der Schuldenfrage zu verlangen.

Diese wirklich erstaunlichen Feststellungen können nun allerdings nicht unwidersprochen bleiben. Fraglos bedeutet ein Bevölkerungszuwachs dann eine Stärkung der Arbeitskraft eines Volkes, wenn er mit Produktionsmitteln versehen ist. Hier war es aber doch so, daß die Menschen nur mit einem Rucksack bewaffnet über die Grenze kamen und sich noch dazu zerstörten Städten und Produktionsanlagen und einer viel zu kleinen landwirtschaftlichen Nutzfläche gegenübersahen. Weiterhin war die im wesentlichen landwirtschaftlich ausgebildete Ostbevölkerung zum großen Teil umzuschulen; ein Vorgang, der noch keineswegs abgeschlossen ist.

Sollte der „Sunday Times“ wirklich nicht bekannt sein, daß 5,5 v. H. aller Vertriebenen arbeitslos sind, aber nur 2,1 v. H. der Einheimischen; daß dieses Verhältnis sich in einzelnen Ländern der Bundesrepublik noch verschärft: Schleswig-Holstein 4,5 v. H. der Einheimischen arbeitslos, aber 11,3 v. H. der Vertriebenen, Niedersachsen 3,6 und 6,8 v. H., Hessen 1,9 und 4,1 v. H., Bayern 2,5 und 6,3 v. H., Rheinland-Pfalz 1,5 und 7,4 v. H., Baden 0,5 und 3,2 v. H. und Württemberg-Hohenzollern 0,4 und 2,7 v. H. Dann leben noch heute über 300 000 Menschen in Lagern. Daraus ergibt sich doch deutlich,, daß die Vertriebenen keineswegs voll in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert sind und schon gar nicht eine direkte Verstärkung der deutschen Exportkraft darstellen. Im Gegenteil: die hohen Soziallasten, die neben den Besatzungskosten der Hauptgrund unseres Haushaltsdefizits sind, sind ja zum großen Teil darin begründet, daß den alten, existenzlosen und arbeitsunfähigen Vertriebenen eine Unterstützung zukommen muß.

Wir möchten der „Sunday Times“ den Vorschlag machen, doch die deutschen Verhältnisse etwas gründlicher zu studieren, ehe sie solche Urteile fällt. Gerade die großen Blätter in der angelsächsischen Welt sind ja so entscheidend wichtig für die Meinung, die sich die Weltöffentlichkeit über Deutschland bildet. Die Anzahl deutscher Blätter, die über eine nennenswerte Auslandsauflage verfügt, ist demgegenüber noch immer verschwindend gering. In unserem Falle ist das Gegenteil dessen richtig, was die „Sunday Times“ behauptet hatte: gerade unsere innerwirtschaftliche Situation fordert gebieterisch einige Konzessionen, wenn die Höhe unserer endgültigen Auslandsverpflichtungen auf der Schuldenkonferenz festgelegt wird. C. v. S.