VonPaul Bolkovac S. J.

Auf der Schwäbischen Alb bewohnt Ernst Jünger seit dem Frühjahr 1951 eine Oberförsterei, nachdem er den vorhergehenden Winter in dem gegenüberliegenden Schloß Stauffenberg zugebracht hatte. Im ersten Zimmer rechts unten hängt ein Bild von Wilhelm Wessel, in einem fahlen dunklen und doch verdeckt brennenden Olivgrün gehalten: Jünger zwischen Kakteen. Ich muß lächeln und bin gespannt auf die Begegnung.

Auf eine kurze Begrüßung folgt Tee mit Konversation. Nur selten und dann sehr kurz begegnen sich unsere Augen. Sein Gesicht bleibt gesenkt und verhangen. Ein dreimaliger Versuch, dem Gespräch eine theologische Richtung zu geben, bleibt ohne Erfolg. Dr. Armin Mohler greift ein Thema der letzten Tage über den Tod auf, eine Konvertitin erzählt von ihrer Konversion, ich erkundige mich nach den vorher ibersandten Aufzeichnungen von Alfred Delp: Jünger nimmt keinen Ball an. Nach wenigen Sätzen geht das Spiel der Konversation weiter.

Und dann ist plötzlich der Funke übergesprungen. Ein Satz aus den „Strahlungen“ stellt den Kontakt her: Gott muß neu konzipiert werden. Jünger wehrt energisch den Vorwurf ab, ein Solipsist zu sein. Wie das Wort von Nietzsche, Gott ist tot, keine metaphysische Bedeutung haben muß, sondern eine psychologische Realität bezeichnen kann, bleibt auch seine Formulierung imbivalent. Er stellt neben die aktive Funktion, die konzipieren mit Konzept verbindet, eine massive Interpretation, wie sie Paul Claudel für das Französische durch den Bezug von connaissance auf naissance von neuem in das Bewußtsein gehoben, hat. Als Zeugen dieser Zeujung, aus der Partnerschaft von Gnade und Freiheit, werden die Mystiker angeführt, vor allem Angelus Silesius.

Ich staune, wie sehr das Gesicht von Jünger inzwischen den Ausdruck gewechselt hat. Die Maske ist weg, seine Augen nehmen an dem Gespräch teil und es gibt Augenblicke, wo das Gesicht des Siebenundfünfzigjährigen jung, fast jungenhaft wirkt. Beinahe unvermittelt erfolgte die Aufforderung: „Kommen Sie, wir wollen nach aber gehen; ich möchte Ihnen meine Bibliothek zeigen.“ Scherzend streift das Gespräch die Gerüchte, die über seine Annäherung an den Katholizismus im Umlauf sind oder waren. Wir lachen lerzhaft über seinen Kommentar: „Wer weiß – aber wenn überhaupt, dann nur im Sommer.“ Aus einer Zwischenbemerkung geht hervor, daß seine Mutter katholisch war. „Aber erst müßt ihr“, meint er dann, „wenn ihr mich haben wollt, Luther unter die Kirchenväter aufnehmen“, und weist auf eine alte dickleibige Lutherausgabe hin, die ein ganzes Bord seiner Bibliothek füllt. In einem andern Regal stehen die gesamten Kirchenväter in der deutschen Kösel-Ausgabe. Sein privater Kirchenvater scheint J. G. Hamann zu sein. Über dem Schreibtisch hängt neben dem „Turmbau zu Babel“ sein Bild, und griffbereit stehen die grüngebundenen Schriften.

Wir haben inzwischen von neuem Platz genommen in der Bibliothek, und das Gespräch gleitet von den Kirchenvätern der Vergangenheit in die Theologie der Gegenwart. Die Theologie hat jahrhundertelang das Leben und die Theologie inspiriert, once upon a time. Ist es wahr, daß man heute die metaphysische Unruhe in der Naturwissenschaft und bei den Dichtern stärker spürt als unter Theologen? Die Quelle mag hier oder dort entsprungen sein, in jedem Fall ist mit diesem philosophischen Aufschwung, der im Absprung von der Erfahrung nach dem Ganzen zielt und die Mitte sucht, die nihilistische Linie der fortschreitenden Atomisierung des Menschen überschritten. Ich frage Jünger noch, ob seine Aphorismen, zu dieser neuen Theologie in den letzten Schriften später eine zusammenhängende Darstellung finden sollen. Er wehrt lächelnd ab: „Man hat vielleicht Intuitionen – aber ein System habe ich nicht. Und wozu gibt es Theologen? Wenn ihr die Fragen schon nicht stellt, so müßt ihr doch Antwort geben, wo gefragt wird.“

Zwei Stunden sind zu wenig für ein theologisches Gespräch. Im besten Augenblick muß man dann weg. Aber der Abschied war schon ganz anders als die Begrüßung: informal, ernst und heiter zugleich, fast freundschaftlich. Die Begegnung hatte „im Grunde“ zu einer Verständigung geführt. Sie betraf weder die Kirchen (es bleibt der Unterschied zwischen dem dogmatischen und einem pragmatischen Ansatz) noch es ging um die Grundlage von beiden durch einen Grund, der allen Menschen gemeinsam ist. Der Mensch als Mensch bereits und darum jeder Mensch bleibt trotz seiner Endlichkeit dem Unendlichen immer und überall zugesellt, wie schon in den „Strahlungen“ steht:

„Vergangenheit und Zukunft sind Spiegel und zwischen ihnen leuchtet, für unsere Augen unfaßlich, die Gegenwart, die einzig wirklich ist, als Kern der Zeit. Im Sterben aber wechseln die Aspekte: die Spiegel beginnen einzuschmelzen und immer reiner tritt die Gegenwart hervor, bis sie im Augenblick des Todes mit der Ewigkeit identisch wird. Das göttliche Leben ist ewige Gegenwart. Und Leben ist immer nur dort, wo Göttliches gegenwärtig ist.“