E. London‚ im Oktober

Übereinstimmend geben die Hauptquartiere aller Parteien kurz vor dem großen Tag der Entscheidung zu, daß sie noch kaum je einen so konfusen Wahlkampf erlebt haben. Verwirrt und ungeklärt ist das Interesse der Wähler hinsichtlich ihrer gefühlsmäßigen Einstellung, konfus ist aber auch das Denken der Parteien selbst. Nur die Wohlmacher wissen genau, wovon sie reden, denn nirgends wird das Wahlgeschäft so wissenschaftlich raffiniert betrieben wie in England. Wird doch jeder Wähler persönlich von den Werbeagenten aller Parteien aufgesucht und um seine Intentionen befragt. Über jeden wird von Wahlkampf zu Wahlkampf genau Buch geführt, und jeder wird in einer besonderen Rubrik registriert: Labour, konservativ, unentschieden, beeinflußbar oder hoffnungslos!

Alle Parteien fürchten diesmal Stimmenthaltungen mehr als Meinungsänderungen. – Stimmenthaltungen nicht aus Faulheit oder Apathie, sondern infolge der Verwirrung der Geister, der verschwommenen Unterschiede zwischen den Parteiprogrammen, der Unabgeklärtheit der großen Fragen und Probleme, um die sich der Kampf dreht und um die die Wähler unzweifelhaft auch tief besorgt sind: die Preissteigerung, die Erhaltung des Lebensstandards und des Wohlfahrtsstaates, Aufrüstung und Friedenssicherung. Dies ist auch etwa-die Rangordnung, in der das Interesse der Wähler sich kundtut. Es sind im Grunde alles Schicksalsfragen, über deren Beantwortung sich selbst die Experten nicht einig sind.

Die Wahlversammlungen sind, gut besucht. Die Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit der Zuhörer läßt nichts zu wünschen übrig. Frivole Zwischenrufe erwecken Unwillen. Viele Fragen und manche Antworten verraten jedoch die Hilflosigkeit, die jeder ernsthaft Denkende vor den schweren Gegenwartsproblemen empfinden muß. Allen voran steht die Teuerung im Vordergrund der Sorgen der Wähler. Die Sozialisten werfen ihren Gegnern vor, daß sie die Besorgnis über die schwächer werdende Währung unverantwortlich übertreiben. Aber auch die Labour- Sprecher selbst halten es für nötig, ihre Beredsamkeit fast gänzlich dem Problem der Lebenshaltung zu widmen. Shawcross und Mayhew prangerten in ihrer Fernsehvorstellung Eden wegen der Darstellung einer übertrieben steilen Preiskurve an, nur um dann selbst fast die gleiche alarmierende Kurve in einem anderen Maßstab vorzuführen. Die Teuerung um annähernd 48 v. H. unter dem Labour-Regime bleibt eben eine schmerzliche Tatsache, die durch keine Dialektik und keine graphischen Tricks bagatellisiert werden kann.

Was der Wähler wissen will, ist, wie dem Übel abgeholfen werden kann, doch darauf erhält er keine klare und überzeugende Antwort. Mehr Staatseingriffe, mehr Verbote und stärkere Überwachung, die Labour als Heilmittel befürwortet, sind keine sehr beglückenden Verheißungen in einer Zeit, in der man die vorhandenen Fesseln schon seit einem Jahrzehnt als lästig empfindet. Mehr Freiheit, Arbeitseifer und Produktion, wofür die bürgerlichen Parteien plädieren, sind anderseits nur vage Versprechungen und Postulate, die vielen, namentlich den jüngeren Wählern, die diese Begriffe gar nicht mehr kennen, utopisch erscheinen. Und schließlich die Frage: Kann man den Konservativen mehr vertrauen? Seht, welchen Unsinn Churchill selbst gerade über wirtschaftliche Fragen manchmal sagt! Und doch: wie oft schon hat sich seine Meinung in den allerwichtigsten Dingen am Ende als richtig erwiesen! Hat Churchill nicht schon einmal die Nation aus tiefster Not gerettet? Diese primitivsten Argumente wiederholen sich in allen Wahlversammlungen.’

Über die Notwendigkeit der Aufrüstung sind sich glücklicherweise alle ebenso einig wie darüber, daß der Wohlfahrtsstaat darob nicht verkümmern darf. Selbst Bevan hat ja nie die Aufrüstung an sich beanstandet. Seine Meinung, daß das Programm um 20 v. H. zurückgeschraubt werden sollte, damit es wirtschaftlich und sozialpolitisch tragbar werde, will er erst wieder nach den Wahlen zur Sprache bringen. Der Maulkorb, den er sich selbst umgehängt hat, täuscht aber niemanden. Bevan ist auch innerhalb der Labourbewegung manchem zum Paria geworden, wie groß sein persönlicher Anhang unbestreitbar auch ist.

Die Einigkeit der Parteien über den Wohlfahrtsstaat ist insofern doch getrübt, als die Sozialisten natürlich dem Gegner den guten Glauben absprechen; dies führt dann und wann in den Versammlungen zu hitzigen Gefechten. Giftig schlägt jeweils die ironische Frage ein, warum denn die Tones erst so spät und so plötzlich ihre Nächstenliebe entdeckten.

Nur die aktuellen Ereignisse im Mittleren Osten haben die Außenpolitik ganz wider die Neigung der meisten Wähler in den Vordergrund treten lassen. Bittere Vorwürfe wegen Persien werden den Sozialisten in jeder Versammlung gemacht, doch hat ihnen Ägypten eine Chance der Ehrenrettung dadurch geboten, daß sie einige Festigkeit in der Wahrung britischer Interessen beweisen konnten. Kann man aber Churchill und Eden trauen? Werden sie vorsichtig sein, wenn sie den „Finger am Drücker haben“, wie es heißt? Immer wieder versuchen sozialistische und kommunistische Gegner durch Reden und auf Plakaten, Zweifel daran in der Brust des naiven Durchschnittsbürgers zu säen. Selbst das uralte Argument der größeren Vertrautheit mit den Fakten des Weltgeschehens kraft der praktischen Amtsausübung ist jetzt zur Abwechslung auch von den Labour-Tribünen zu vernehmen. Es wirkt von sozialistischen Lippen allerdings eher belustigend. So weit ist die Erinnerung an die Zeit, da Eden die britische Außenpolitik leitete, denn doch noch nicht verklungen. Die meisten Aspekte der heutigen Lage – die Inflationskrise, die internationalen Spannungen, der notorische Stimmungsumschwung – begünstigen die Konservativen. Ob sie es wirklich mit einer so ausreichenden Mehrheit schaffen, wie die meisten Propheten mutmaßen, wird sich in der Nacht vom 25. Oktober offenbaren.