Wo steht heute die internationale und wo die deutsche Kunststofforschung? 20 Fachvorträge über aktuelle Themen der Erzeugung, der Verarbeitung, Anwendung und Prüfung von Kunststoffen geben im Rahmen der Kunststoff-Tagung 1951 in Wiesbaden vom 22. bis 26. Oktober Antwort auf diese Frage. Handelte es sich früher darum, den Werkstoffen schlechthin Geltung zu verschaffen, so geht es nunmehr vornehmlich um die Einordnung der Kunststoffe in größere Zusammenhänge, um den Gedankenaustausch über stofflich oder hinsichtlich der Erscheinungsform verwandte Gruppen (wie etwa Gummi und Leder. Papier und Textilien).

Die rein wissenschaftlichen Probleme waren erst kürzlich auf einer Versammlung der Gesellschaft der Deutschen Kunststoffchemiker in Köln diskutiert worden, und so bezweckt die von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Kunststoff-Industrie (zusammen mit der Fachgruppe Kunststoffe und Kautschuk der Gesellschaft Deutscher Chemiker, dem Fachausschuß Kunststoffe des Vereins Deutscher Ingenieure und dem Fachnormenausschuß Kunststoffe im Deutschen Normenausschuß) veranstaltete Wiesbadener Tagung die Information insbesondere der Praktiker aus den Betrieben. Die Teilnahme zahlreicher ausländischer Interessenten demonstriert das internationale Gewicht dieses Treffens.

Wesentliche Impulse erhält die Kunststoff-Kunst von der Lockerung der Industriekontrolle auf Grund des Abkommens vom April 1951, das die nachteiligen Folgen des Kontrollratsgesetzes Nr. 24 – Verzögerung oder Ablehnung von Ausbau- und Reparaturanträgen für bestimmte Kunststoff-Produktionen – nur langsam und unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten wird ausgleichen können. Auch jetzt wirken die weiterhin bestehenden strengen Überwachungsvorschriften und Verbote für die Erzeugung von Grundchemikalien auf die Entwicklung der Kunststoff-Fertigung im Bundesgebiet noch fühlbar hinderlich.

Kunststoffe haben sich den wirtschaftlichen Alltag mit Siebenmeilenstiefeln erobert. Ihre Erzeugung betrug 1950 bereits rund 1,3 Mill. t und ist auf dem besten Wege, die Produktionszahlen für Metalle (beispielsweise Aluminum, Kupfer, Zink) zu erreichen. Die Schwelle zum „industriellen Zeitalter“ bei Herstellung, Verarbeitung und Anwendung von Kunststoffen ist überschritten. Der Spritzgußtechnik kommt dabei eine besondere Rolle zu, denn im letzten Jahre wurden etwa 200 000 t Kunststoffe nach jenem Verfahren verarbeitet; künftig dürfte diese Zahl noch erheblich steigen. Beträchtliche Fortschritte sind in der Spritzgußmaschinentechnik bei der Fertigung von Teilen großer Abmessungen und hohen Einzelgewichts zu registrieren.

Eine’lebhafte Entwicklung ist auch auf dem Gebiet der Fußbodenbeläge zu beobachten; zum Teil wurde sie durch bautechnische Neuerungen (etwa Massivdecken der Betonbauweise) und rohstoffwirtschaftliche Gründe (Bauholzbedarf) ausgelöst, teilweise jedoch durch wirtschaftliche Erwägungen (sozialer Wohnungsbau) und die spezifischen technischen Fortschritte bei Kunststoffen.

Noch längst ist nicht aller Kunststoffe Abend, Im Gegenteil: in dem weiten Feld der Kunststoff-Forschung birgt mancher der molekularen Baustoffe nicht minder große Überraschungen für die Zukunft wie das Gebiet der Anwendungstechnik, der Normung und der Prüfung. H. B.