Der Aktienbesitzer kann nach der letzten Hausse-Bewegung an den westdeutschen Wertpapierbörsen zufrieden sein. Sie hat den Zustand der jahrelangen Unterbewertung beendet und dürfte – von Sonderfällen abgesehen – einer einigermaßen gerechten Beurteilung der Aktien ziemlich nahegekommen sein. War den Gesellschaften eine 1 : 1-Umstellung des Grundkapitals möglich, so hat der Aktionär über alle Krisen hinweg seinen Besitz nahezu vollständig erhalten können, unterstützt durch eine Währungsreform, die die Sachwerte weitgehend geschützt hat. Es ist vor allem auf diese Tatsache zurückzuführen, daß sich nach der Geldumstellung die Anleger und Wertpapiersparen fast ausschließlich auf den Aktienmarkt konzentrierten, wobei der Rentenmarkt verödete.

Die Aktie wird aber ihren Charakter als Risikopapier nach wie vor behalten. Ihr Wert wird nicht nur von der dahinter stehenden Substanz bestimmt, sondern er ist ebenso abhängig von Angebot und Nachfrage. Gerade das hat die hinter uns liegende Zeit bewiesen. Diejenigen Aktionäre erhielten ihr Vermögen am besten, die an ihren Besitz bis heute festgehalten haben. Wer gezwungen, war, unmittelbar nach dem 20. Juni 1948 zu den damaligen niedrigen Kursen Papiere zu verkaufen, hat in den meisten Fällen einer schärferen Abwertung als 10 : 1 unterlegen. Das gilt um so mehr für diejenigen, die Aktien während der Aufrüstungshausse kurz vor dem Krieg oder gar zu den inflationären Kriegs- und Nachkriegskursen erwarben. Unsere Tabelle zeigt das volle Ausmaß der Kurszusammenlegung. Von begrenzten Ausnahmen abgesehen, waren die letzten Notierungen vor der Geldneuordnung mit den 1943 auf Anordnung des damaligen Reichswirtschaftsministers festgesetzten Höchstkursen (Stopkurse) identisch. Da es aber auch hier einen „Schwarzen Markt“ gab, erhält man den damaligen tatsächlichen Bewertungsstand, wenn man den Stopkurs mit 10 oder noch mehr multipliziert. Besondere Maßstäbe galten bei Werten östlicher und Berliner Provenienz, da hier die Verluste durch Demontagen und Enteignungen von vornherein klar erkennbar waren.

Begreiflicherweise waren größere Verkäufe zu den niedrigen Preisen nach 1948 äußerst selten. Das Geschäft in den Börsensälen wurde erst nach den Perioden energischer Aufwärtsentwicklungen lebhafter, und der vorläufige Gipfelpunkt war in den letzten Septembertagen erreicht, als sich die Käufer alles verfügbare Material aus der Hand rissen. Dadurch wurden Kurse erreicht, bei denen Rückschläge möglich sind. Die gegenwärtige Notierungsweise kann den nicht erfahrenen Käufer nämlich zu Trugschlüssen verleiten. Es wird leicht übersehen, daß bei der Bewertung jedes Kurses zunächst das Umstellungsverhältnis entscheidet, zum anderen aber auch ein eventuell vorhandenes Kapitalentwertungskonto mitspricht. Wie Kursanomalien entstehen können, wenn diese Faktoren außer acht gelassen werden, machte die Hamburger Kreditbank kürzlich in einem ihrer Wochenberichte am Beispiel der Ilse Bergbau klar: Die Gesellschaft, die ihr Hauptvermögen in der Ostzone verloren hat, stellt ihr Grundkapital im Verhältnis 20:1 unter Einstellung eines außerordentlichen Kapitalentwertungskontos von etwa 1,85 Mill. DM um. Der Kurs von 30 v. H. für die Stammaktien und 18 v. H. für die Genußscheine stellt „ich also auf 600 v. H. und 360 v. H., ein Kurs, der selbst bei optimistischen Erwartungen, die sich aus einem Ost-West-Gespräch ergeben könnten, nur schwer gerechtfertigt erscheint.

Man muß andererseits bedenken, daß z. B. Salzdetfurth-Aktien bei 92 v. H. und einem Umstellungsverhältnis von 10:7 in Wirklichkeit 131 v. H. notieren, daß Feldmühle-Aktien mit einem RM-Kurs von 135 v. H. in Wahrheit unter Berücksichtigung der 5 : 4-Umstellung 169 v. H. gehandelt werden, AEG-Aktien bei der erwarteten Umstellung von 3:1 und einem RM-Kurs von 36 1/2 v. H. einen richtigen Kurs von 110 v. H. haben, während Siemens & Halske-Aktien sich bei 76 v. H. und einer 10 : 6-Umstellung auf 126 v. H. stellen.

Die im Zuge der Wertpapierbereinigung zu erwartende Umstellung der RM- auf DM-Notierungen wird gefährliche Illusionen beseitigen helfen. Zur weiteren Klärung der Situation sollen die prospektähnlichen Bekanntmachungen dienen, die den Gesellschaften von den Börsen vorstanden auferlegt worden sind und publiziert werden müssen, bevor die DM-Aktien für lieferbar erklärt werden.

Vor dem interessantesten und wichtigsten Gebiet, dem der Montan-Aktien, stehen noch politische Fragezeichen. Als Bewertungsgrundlage wird die erhalten gebliebene und zugewachsene Substanz zu verwenden sein. Wenn auch die Vorschläge des Gewerkschaften, wie sie jetzt veröffentlicht wurden, kaum als Diskussionsgrundlage bezeichnet werden können, so zeigen sie doch (und die Börse hat entsprechend reagiert), daß die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet nicht ganz so glatt gehen wird, wie man gehofft hatte. -ndt.