Karlsruhe, im Oktober.

Auch in seinem neuesten Schauspiel „Nacht an der Newa“, das vom Badischen Staatstheater anläßlich des Parteitages der CDU in Karlsruhe uraufgeführt wurde, bewegt sich Josef Nowak wieder auf der Grenze zwischen Historie und Legende. Es geht um den Zaren Alexander I. Als dieser im Jahre 1825 der Krone entsagte und kurz darauf in Taganrog starb, kam bald das Gerücht auf, er wäre an Stelle eines anderen als Sträfling nach Sibirien gegangen und sei dort zuletzt in einem Kloster gesehen worden. Nowak will nun schildern, wie der Zar nach fünfundzwanzigjähriger Herrschaft seine Mitwisserschaft an der Ermordung seines Vaters zu bereuen beginnt, wie das Gefühl der Schuld stärker wird als das der Pflicht, und wie er zuletzt sich selbst zum Weg nach Sibirien verurteilt. Inhaltlich schließt sich Nowak an Alfred Neumanns Drama „Der Patriot“ an, und auch stilistisch fußt er auf der Neumannschen Synthese aus historisierendem Intrigenstück und modernerPsychopathologie. Aber da er zuletzt mit lehrhafter Betonung seinem Zaren den Heiligenschein aufsetzt, kommt er dramaturgisch mit der Motivierung durch den erblichen Wahnsinn in Konflikt. – Das Stück wirkt beim Lesen stärker als auf der Bühne. In ausgedehnten, gedankentiefen Dialogen wird immer wieder um die Fragen der Schuld und der Erlösung gerungen, ohne daß es darüber zu dramatischer Spannung kommt. Da der Regisseur Rudolf Hammacher es auch weitgehend so spielen ließ, als sei man noch am Großherzoglichbadischen Hoftheater, blieb nicht viel mehr als der Eindruck eines ehrlichen Wollens.

Ulrich Seelmann-Eggebert