Von Emil Rasche

„Die sechste Großmacht“ nennt Emil Rasche das Erdöl; es stiftete im zwanzigsten Jahrhundert größere Verwirrungen an als im Mittelalter Philosophie und Religion. Den gleichen Titel trägt auch sein im Heinrich Scheffler Verlag, Frankfurt am Main, erscheinendes Buch, mit dessen Vorab druck die „Zeit“ in der vorigen Ausgabe begann. In unserem heutigen Bericht schildert der Verfasser, wie es zum Ausbruch des englisch-persischen Ölkonfliktes vor wenigen Wochen kam. Aber er bleibt nicht bei den aktuellen Ereignissen stehen: er schildert die Geschichte der Anglo-Iranian Oil Company – ihren Aufstieg und ihre Niederlage.

Dean Achesons Mittelost-Referent, Unterstaatssekretär George McGhee, der Januar 1951 seine Missionschefs in Istanbul versammelt hatte, dann Teheran und Kairo besuchte, reichte dem Foreign Office ein Memorandum ein, in dem er für Zugeständnisse an die persische Regierung und einen neuen Ölvertrag plädierte. Aber London hüllte sich in das Schweigen des Ignorierens. Das war am Vorabend der neuen Krise.

Sir Francis Shepherd, der englische Botschafter, war über den Tod des Generals Razmara nur so weit erregt, wie es diplomatisch notwendig war. Razmara war ja nicht sein, sondern Gradys Favorit gewesen. Shepherd glaubte auch, daß er mit dem Nachfolger Razmaras, mit Hussain Ala, schnell ins Gespräch kommen werde. Aber er täuschte sich. Hussain Ala konnte sich nur wenige Tage halten. Die letzte Hoffnung war der Schah. Aber schließlich mußte Sir Francis feststellen, daß alle Versuche, auch den Schah zu beeinflussen, diesmal im persischen Sande verliefen. Henry Grady, der amerikanische Botschafter, machte eine letzte Anstrengung. Noch einmal bot er eine Anleihe von 25 Millionen Dollar an.

„Der Mensch hat zwei Ohren und einen Mund. Daher soll er doppelt soviel hören als sprechen.“ So lautet ein arabisches Sprichwort. Politiker des Orients haben, wenn sie sich auch mit einem Schleier der Mystik umgeben, einen nüchternen Tatsachensinn: Sie haben ein feines Unterscheidungsvermögen: was echte Politik ist und was imaginäre Versprechungen sind. Ihre Geduld ist so lang wie die Perlenkette, die sie durch ihre Finger gleiten lassen, wenn sie sich ihren Meditationen hingeben. Die Geduld kann aber auch mit einem Kurzschluß enden – wie dies in Teheran geschehen ist. Dann sind sie bereit, die Verantwortung auf sich zu nehmen, eine heroische Verantwortung.

Mossadeqs Partei ist die Gepeh Melli, die Nationale Front. Noch einige Monate vor den Ereignissen des April 1951 hatte sie im Lande nur wenige Anhänger. Ihre Abgeordneten wurden nur in der Hauptstadt gewählt. Die Stimmen setzten sich aus den bürgerlichen Schichten zusammen, aus dem Handwerk, den kleinen Geschäftsleuten des Basars, den verarmten Beamten und Intellektuellen. Mossadeq ist für diese Menschen fast könnte man den nicht ganz echten Vergleich benutzen – ein „Hindenburg“ geworden. Die westliche Propaganda unterstellt ihm, daß er „ein reicher Grundbesitzer“ sei, der keine sozialen Verpflichtungen übernehmen wolle. Seine Gestalt ist über solche Verzerrungen erhaben. Seit Jahren schon lebt er das einfache Leben eines kleinen Bürgers. Er verfügt nur über zwei Anzüge und ist nicht besser gekleidet als sein Chauffeur. Er kennt keinen Luxus.