Acht erfolglose Attentate wurden bisher von nationalistischen Fanatikern auf den Führer der ägyptischen Wafd-Partei, Nahas Pascha, verübt, um ihn „wegen seiner Kooperation mit den Engländern“ zu beseitigen. Jetzt, drei Jahre nach dem letzten Anschlag, hat der gleiche Kollaborateur Nahas Pascha gewagt, was noch kein ägyptischer Politiker vor ihm wagte: Er hat den von ihm selbst 1936 abgeschlossenen und im ganzen Volk verhaßten zwanzigjährigen Vertrag mit England über die Stationierung von 10 000 Mann britischer Truppen in der Suezkanalzone und die Sudanverträge für „null und nichtig“ erklärt.

Wann und wieso ist diese merkwürdige Wandlung Nahas Paschas vom England-Freund zum England-Feind eingetreten?. Seine zweite Amtszeit als Ministerpräsident endete im September 1937 nach einem heftigen Zusammenstoß mit dem König. Der Grund für die damalige fristlose Entlassung, war sein verfassungsrechtlich unbegründeter Einspruch gegen die Ernennung des Führers der Opposition und seines persönlichen Feindes, Ali Maher Pascha, zum Chef des königlichen Kabinetts. Bei den anschließenden Parlamentswahlen im April 1938 wurde die Wafd vernichtend geschlagen; Nahas Pascha selbst wurde nicht einmal in seinem im Nil-Delta gelegenen kleinen Heimatort Samannud wiedergewählt.

So standen die Dinge, als der Krieg ausbrach, als Rommel vor den Toren Kairos stand und der englische Geheimdienst befürchtete, daß der König auf die Seite der Achsenmächte treten könnte; nur das Programm der Wafd verhieß: „Keine Beteiligung am Kriege!“ Damals zeigte sich erneut, daß alle militärischen Erfolge der deutschen durch ihre politische Unvernunft wertlos wurden. Berlin überließ Ägypten der italienischen Einflußsphäre, obwohl jeder Kenner wußte, daß am Nil die Sympathien für die Italiener noch geringer waren als für die Engländer, und das wollte einiges heißen. England erkannte prompt seine Chance, setzte erneut, im Augenblick der größten Gefahr auf Nahas Pascha und gewann. Der englische Botschafter Sir Miles Lampston ließ im Februar 1942 vor dem königlichen Palais in Kairo englische Truppen aufmarschieren und zwang den zu jener Zeit noch jungen König Faruk, Ali Maher Pascha zu entlassen und Nahas Pascha zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Die Gefahr eines Aufstandes der Ägypter gegen England war damit beseitigt, und aus Sir Miles Lampston wurde Lord Killean.

Zweieinhalb Jahre währte diese dritte Amtszeit Nahas Paschas ab Ministerpräsident. Sie endete am 8. Oktober 1944 erneut mit einer fristlosen Entlassung durch den König, der den Protest der englischen Regierung gegen eine antialliierte Rede des Ministerpräsidenten vor Vertretern der arabischen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens zum willkommenen Anlaß nahm, um für den Staatsstreich von 1942 Rache zu nehmen.

Zusammen mit ihrem Führer verließen damals alle Senatoren und Abgeordneten der Wafd ihre Ämter. Die Partei beteiligte sich auch nicht an den folgenden Wahlen im Januar 1945, die den Saadisten und den Liberal-Konstitutionellen dabei einen leichten Sieg brachten. Das nun folgende fünfjährige freiwillige politische Exil war für Nahas Pascha und seine Partei eine Zeit der Läuterung, in der der heute 73jährige Parteiführer seinen Weg zu den alten Zielen seines verstorbenen Freundes und Gründers der Wafd, Zagul Pascha, zurückfand: Freiheit und Unabhängigkeit eines unter der ägyptischen Krone vereinigten Niltals. Unter dieser Parole erreichte Nahas Pascha denn auch bei den Wahlen im Januar 1950 einen überwältigenden Sieg. Seine vierte Ministerpräsidentschaft trat er als Gegner der Briten an.

De jure hat er jetzt mit der Aufkündigung des angloägyptischen Beistandspaktes und des Kondominion-Vertrages über den Sudan sein Ziel erreicht. Aber wenn auch der Gemeinderat von Kairo im Überschwang nationaler Gefühle ihm eine Goldmedaille und einen Becher überreichte mit der Inschrift: „Siegesbecher! Dem Heldendes nationalen Kampfes und Befreier des Niltales, Ministerpräsident Mustafa Nahas Pascha“, so weiß doch niemand besser als Nahas Pascha selbst, daß der eigentliche Kampf um die Befreiung des Niltales jetzt erst begonnen hat.

Ernst Krüger