Der sowjetische Außenminister Wyschinski überreichte kürzlich dem norwegischen Botschafter in Moskau eine Note, in der erklärt wurde, daß Norwegens Handlungsweise hinsichtlich Spitzbergens unvereinbar sei mit den normalen Beziehungen zwischen Sowjetrußland und Norwegen. Dies könne, so wird hinzugefügt, dazu führen, das Verhältnis zwischen den beiden Ländern wesentlich zu verschlechtern, wofür natürlich die norwegische Regierung die volle Verantwortung trage. Die Sowjetunion wirft Norwegen vor, seine Mitgliedschaft im Atlantikpakt habe dazu geführt, daß die Oberherrschaft über Spitzbergen und die Bjarnoye-Insel nunmehr an den Oberkommandierenden der atlantischen Marinestreitkräfte gefallen sei, und eben dies sei unvereinbar mit dem Pariser Abkommen über Spitzbergen. Die Russen behaupteten weiter, daß zahlreiche Kriegsschiffe der Atlantikpaktmächte systematisch norwegische Häfen anliefen, und daß weiter amerikanische und britische Generale norwegische Anlagen inspizieren, wobei sie mit auffallendem Interesse gerade das norwegisch-russische Grenzgebiet bereisten.

Das wirtschaftliche Interesse der Sowjetunion an Spitzbergen ist deshalb besonders lebhaft, weil dort neben Norwegen nur noch Rußland Besitzer von Kohlenvorkommen ist und diese für die nördlichen Gebiete der Sowjetunion und die sowjetische Flotte in den nördlichen Gewässern ausbeutet. Die norwegische Oberhoheit über Spitzbergen sowie die ökonomischen Interessen der Sowjetunion wurden im Jahre 1920 im sogenannten Pariser Abkommen zum erstenmal anerkannt.

Spitzbergen ist heute, wo der Nordpol in den Operationsplänen der Atlantik-Luftwaffe eine wesentliche Rolle spielt, nicht mehr eine isolierte Inselgruppe, sondern eine militärische Position ersten Ranges. Das haben die Sowjets bereits während des zweiten Weltkrieges gespürt, als die großen Konvois, die Spitzbergen auf dem Wege nach den sowjetrussischen Eismeerhäfen passierten, dauernd von deutschen U-Booten bedroht wurden. Es ist klar, daß Sowjetrußland daher heute nicht nur wirtschaftlich an seinem „Kohlengebiet“ interessiert ist. In letzter Zeit sind zahlreiche Meldungen in Oslo eingegangen, wonach vollbeladene Schiffe nach Spitzbergen ausliefen, die ohne Kohlen zurückkehrten, und es wird behauptet, daß der größte Teil der „Arbeiter“, die sich in dem vollkommen abgeschlossenen Kohlengebiet befinden, nicht in Gruben, sondern in Generalstabsbüros arbeitet.

Was ist nun der Zweck der russischen Note? Ist es ein Versuch, neue russisch-norwegische Verhandlungen über Spitzbergen aufzunehmen? Wohl kaum. Die Note ist ein Geschütz im Nervenkrieg – dazu bestimmt, die atlantische Front zu schwächen. Fünf Tage vor Eingang dieser Note war in Oslo bereits eine Beschwerde über die Zerstörung von russischen Kriegsgräbern in Norwegen eingetroffen, die bereits eine gewisse Unruhe erzeugt hatte. Die Sowjets sind also offenbar bestrebt, im Norden eine politische Gegenoffensive gegen den atlantischen Verteidigungspakt zu starten, um die weitere Entwicklung zum Halten zu bringen. Deshalb beschränkt sich die russische Kampagne auch nicht auf Norwegen. Kürzlich teilte die russische Nachrichtenagentur aus Helsinki Einzelheiten über angebliche Kriegsvorbereitungen Finnlands mit. Auch Schweden wird beschuldigt, „militärische Zusammenarbeit mit dem angloamerikanischen Block zu betreiben. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß der sowjetische Nervenkrieg gegen die skandinavischen Länder erfolgreich sein wird, aber es gibt immer einige Zauderer, die bei verstärkstem Druck umfallen. Fingdahl-Thygessen