Von Hubertus Prinz zu Löwenstein

Die Insel Helgoland, die längst frei sein könnte, ist es noch immer nicht. Diesmal allerdings liegt die Verantwortung dafür, daß die heimatvertriebenen Bewohner nicht vor Wochen und Monaten schon mit dem Aufbau begonnen haben, nicht bei England, sondern bei deutschen Regierungsstellen. – Das Abkommen zwischen der Bundesregierung und dem Britischen Hohen Kommissar, das am 26. Februar 1951 als greifbarer Erfolg der „friedlichen Besetzung“ während der Weihnachts- und Neujahrstage zustande kam, sieht vor, daß Helgoland an seine Bevölkerung und an Deutschland zurückgegeben werde, sobald ein anderes Bombenziel für die Luftstreitkräfte Englands und der NATO gefunden sei. Ein solches Ziel vorzuschlagen, ist Aufgabe der Bundesregierung. Warum zögert sie? Warum hat sie nicht längst den Vorschlag, auf den Sandbänken am äußeren „Großen Knechtsand“ Bombenziele zu wählen, zur vertraglichen Vereinbarung gemacht?

Der „Große Knechtsand“ liegt im Wattenmeer, etwa 20 Kilometer von Cuxhaven, 12 Kilometer von Neuwerk und 15 Kilometer von Scharhörn entfernt. Da hier Bombenabwürfe nur bei Ebbe möglich sind, die Schiffahrt aber nur bei Flut betrieben werden kann, würde kein Wattenkahn gefährdet sein. Überdies würden die Abwürfe weit genug von der Fahrrinne entfernt geschehen, die von der Wattenschiffahrt benutzt wird. Über die Zeit und die Art der Bombardierungen könnten überdies genauere Vereinbarungen getroffen werden. Die englischen Stellen haben sich in den Verhandlungen durchaus entgegenkommend gezeigt.

Auf deutscher Seite aber sind Einwendungen auch gegen dies Ersatzziel gemacht worden. Man sprach von einer „Gefährdung der Krabbenbänke“, als ob die Menschenrechte der Helgoländer und die Verteidigung des Westens, ruhend auf deutsch-britischer Verständigung, nicht wichtiger wären als die Lebensrechte dieser schmackhaften Schalentiere! Man sagte auch: Da die Bombardierung Helgolands völkerrechtswidrig sei, bestünde keine Veranlassung, überhaupt ein Ersatzziel anzubieten. Mit solchen und ähnlichen Argumenten einen Druck auf Bonn auszuüben, zeugt doch wohl von einem Mangel an politischem Instinkt oder von jener teutonischen Starrköpfigkeit, die uns schon öfters den herrlichsten Zeiten entgegengeführt hat. Tatsache ist, daß der Erfolg jener „friedlichen Besetzung“, ausgedrückt im Vertrag vom 26. Februar, die westlichen Beziehungen verbessert hat, so sehr, daß die Kommunisten bekanntlich versucht haben, das Ergebnis zu sabotieren oder gar für sich in Anspruch zu nehmen.

Der kommunistische, aus der Sowjetzone gesteuerte Versuch ist gescheitert. Soll dafür heute in Westdeutschland selber das Ergebnis der Helgolandaktion in Frage gestellt werden? Es steckt in diesem Versuch ein gut Stück „Ohnemich“-Mentalität und eine versteckte, aber wirksame Propaganda gegen die europäische Verständigung.