Romeo „endet“ – auf zwei Jahre im Gefängnis; Julia „stirbt“ – weil sie einstweilen nicht für ihren Geliebten kochen darf; die Capulets und die Montagues liefern sich „Schlachten“ – in der Parlamentsdebatte. So wurde die klassische Tragödie von der Liebe zweier Menschen und dem Haß zweier Geschlechter modern umgekleidet: zuerst durch das Leben in jene wahre Geschichte von Tassoula, Tochter eines Liberalen, und Constantin, Sohn aus königstreuem Hause, die vor Monaten durch die Weltpresse ging; hiernach vom Autor Hans Drahn in das Hörspiel „Romeo und Julia auf Kreta“, das kürzlich vom Bayerischen Rundfunk gesendet wurde. Eine Travestie also; es war ein passender und amüsanter Einfall, diesen Charakter durch eingestreute Szenen aus Shakespeare zu profilieren.

Was sich tatsächlich auf Kreta zugetragen hat – von Tassoulas Entführung bis zur Verurteilung Constantins wegen Aufruhrs, mit dem Kernstück der Fehde zwischen. Königstreuen und Liberalen –, schrieb der Autor im Stil einer grotesken Reportage. Der Gefahr indes, daß Drahn unvermittelt neben Shakespeare stand, entging er nicht durch die Übergangsplauderei zwischen Ansager und Conférencier, sondern nur (wennschon nicht... überall) durch geschickte Parodie einiger „Romeo“-Szenen, die er so auf angesägtem Kothurn in seine eigene Handlung hereinzog. (Vater: „Tassoula, wo gehst du hin?“ – „Ins Kino.“ Und dann folgt vor dem Hintergrund eines Wildwestfilms mit ähnlicher Entführungsszene, akustisch sehr wirksam, ihr Aufbruch zur Flucht mit Constantin.) Stilbrüchen begegnete er durch teilweise gut gelungene Sprachangleiciung. – Ähnlich zu schreiben wie Shakespeare, zupackend im Ausdruck und kraftvoll, mit Wortbedeutungen und selbst noch mit Wortklängen spielend, erweist sich durchaus als Gewinn für das Hörspiel.

„Wir sind heute mit der Tragik nicht mehr so schnell bei der Hand“, läßt Drahn seinen Conferencier sagen. Aber eine reine Komödie soll es darum auch nicht sein – sei doch nicht alle; gut, wo das Ende nicht gut ist. Der Autor möchte sozusagen im trüben fischen – im undurchsichtigen, zwielichtigen Zwischenbereich von Tragödie und Komödie. Es ist. gut, daß er als Regisseur Otto Kurth fand. Der machte aus den tragischen Noten, wo sie das Groteske störten, komödiantische Tugenden, indem er überall das Lächerliche forcierte – auch wo’s mit der Tassoula-Julia allen zum Weinen war.

E. P. M.