In die öffentliche Diskussion der Gegenwart wird gern die Version eingeflochten, daß der Wiederaufbau der deutschen Industrie nicht in normalen Grenzen vor sich gehe, sondern in starkem Maße durch betrieblichen Überegoismus forciert werde. Dieser betriebliche Überegoismus kümmere sich dabei wenig um die Menschen, sondern stehe unter dem Blickwinkel von Vermögenszugängen und gewinnreichen Ertragssalden. Da das Bild der unternehmerischen Wirtschaft augenfällig als Beweis für diese landläufige Behauptung spricht, andererseits jedoch mangels Unterlagen schlüssige – Gegenargumente bisher nicht zur Verfügung standen, ist es verständlich, daß jene negative Betrachtungsweise Eingang in die Urteilsbildung breiter Schichten fand.

Uns scheint, daß angesichts dieser Sachlage einer statistischen Arbeit, die jetzt abgeschlossen wurde, eine Bedeutung zukommt, wie kaum einer anderen in jüngster Zeit. Die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände hat auf der beachtlichen Breite von 1,1 Millionen Industriearbeitern (das sind etwa 25 v. H.) eine Repräsentativstatistik über die gesetzlichen und freiwilligen Sozialleistungen der Unternehmungen durchgeführt und jetzt veröffentlicht. Das Ergebnis ist recht eindrucksvoll.

Die Statistik ergibt nämlich, daß in dem noch keineswegs als normal anzusprechenden Aufbaujahr 1949 an-freiwilligen und tariflichen Sozialleistungen rd. 2,6 Mrd. DM aufgebracht wurden, ein Betrag, der sich unter Einrechnung der gesetzlichen Sozialpflichten der Unternehmungen auf rd. 4 Mrd. DM in einem Jahr erhöht. Für 1950 wird mit 3 und 4,6 Mrd. DM gerechnet, während gleichzeitig für die Selbstfinanzierung nur rd. 2,5 bis 3 Mrd. DM aufgebracht wurden.

Es darf erwartet werden, daß man in Zukunft bei allen Erörterungen und kritischen Auseinandersetzungen über industrielle Lohn- oder Sozialpolitik das Resultat dieser Arbeiten berücksichtigt. Es besagt, auf die Größenordnung Lohn bezogen, daß 22 v. H. der bereinigten Bruttolohnsumme – und wenn man den Arbeitgeberpflichtanteil an den Sozialversicherungen mitrechnet, sogar 33 v. H. – von den Unternehmungen der westdeutschen Industrie als soziale „Nebenleistungen“ aufgebracht werden. Diese soziale Selbstfinanzierung übersteigt damit den materiellen Umfang der wirtschaftlichen Selbstfinanzierung.

Es soll auch zum Ausdruck kommen, daß diese Leistungen „in aller Stille“ getan wurden, daß bisher niemand mit Selbstlob dazu an die Öffentlichkeit getreten ist, ganz im Gegensatz zu gewissen oppositionellen Kreisen, denen die Propaganda um das Auf oder Ab eines Pfennigs am Hühnereipreis wichtiger ist, als stille und menschliche Arbeit, Uns scheinen diese vier Sozialmilliarden echte Fortschrittspolitik am gemeinsamen Ziel des Ausgleichs der Gegensätze und der Besserung der Lebensverhältnisse zu sein. Wir hoffen, daß die Tragweite jener Veröffentlichung über die jährlichen Sozialleistungen der Industrie allenthalben beachtet werde und der aus ihr sprechende versöhnende Geist die in jüngsten Tagen wieder so unerfreulich gesteigerte klassenkämpferische Atmosphäre zu beruhigen vermöge.

Rlt.