Von E. P. Michalek

„Was schlecht aussieht: Weiße Seidenkleider zu dürftigem Haarwuchs.“

Aus dem „Skizzenbuch unterm Kopfkissen“

der japanischen Hofdame Sei Shônagon.

Es beginnt mit Raubmord. Eine viertel millionmal hat die Seidenraupe mit ihrem Kopf eine Acht beschrieben, in einem einzigen Arbeitstag von siebzig Stunden sich eingepuppt: ihr Besitz ist ein Kokon, ein seidiger Faden, drei Kilometer lang, ein weißes, gelbes oder grünes Haus ohne Türen und Fenster. In ihrer selbstgesponnenen Eremitage will die Puppe werden, was sie ist, was ihre Eltern waren – ein Maulbeerspinner, Bombyx mori. Um diesen Lohn betrügt sie der Mensch, Homo sapiens.

Das Haus steht zwei Tage, in einer Reihensiedlung von tausenden Kokons, schon greifen zarte Mädchenhände nach ihnen, der Dörrofen wartet mit 60° Celsius – die Puppe ist tot. Jetzt wird sortiert, der Faden abgehaspelt, gezwirnt und verwoben, veredelt... Am Ende breitet sich Crêpe de Chine, blaue Seide aus Honan, gelbe Shantungseide und Crêpe Georgette, Crêpe Satin und Atlas, Brokat. Gekauft von Barbaren im Westen, die rufen: „Die grüne da, für 11,60 DM das Meter.“ Erwählt von Kennern im Osten, die flüstern: „Streicheln von Weidenkätzchen“, „Flügel eines singenden Vogels“, „Morgensonne auf Apfelblüten“ ...

Derweil wird die Puppe gebraten, gezuckert und verspeist. Aber auch die wenigen, die ihren Kokon zerstören und ausschlüpfen dürfen als Falter, müssen bald sterben. Sie können nicht fressen, kaum fliegen – doch sie sehen mit unzähligen Augen, tasten mit ungezählten Fühlern, riechen mit zahllosen Härchen, um sich zu paaren. Zwölf Stunden gab ihnen die Natur zur ununterbrochenen Liebe; der Mensch, der ungeduldige, trennt sie nach zweien. Und sperrt sie seit Louis Pasteur in eine keimfreie Pergamenttüte, ihr Bett, ihr Grab: Pasteurisierte Seide.