Elio Vittorini: Die rote Nelke. Roman (Claassen Verlag, Hamburg, 27? S., Leinen 11,50 DM).

Es geschieht selten, daß ein angesehener Autor seinen Erstlingsroman nachträglich in einem Augenblick veröffentlicht, wo er über das Lebens-Stadium, dem der erste Versuch entsprang, weit hinaus ist, aber doch noch nicht am Abschluß seiner literarischen Produktion steht. Mit Elia Vittorinis 1933 geschriebenen und damals nur in Bruchstücken bekannt gewordenen Werk hat es aber eine besondere Bewandnis: die italienische Zensur ließ das Buch nicht durch, weil es der offiziellen Staatsmoral nicht entsprach, und ebendieser Widerspruch gibt ihm heute dokumentarischen Wert. Es zeigt an einer Gruppe von Jungen, wie sehr unbändiger Lebenshunger, Überschwang der Pubertät und Freude am Umsturz von Konventionen Motive der faschistischen Bewegung waren. Dieser verschrobene Idealismus geht bei Vittorinis Figuren nicht eigentlich auf das Politische aus, sondern sucht sich seine neue Ordnung in der Auseinandersetzung mit den Problemen der Erotik. Die Mädchen sind wichtiger als der Sozialismus. Sich als Mann bewähren, heißt mit ihnen fertig werden und sich von ihnen bestätigen lassen. Aus dieser Mentalität formte sich das Material, mit dem Mussolini seinen Staat baute. Doch dieser Staat wiederum wurde der jungen Männlichkeit Mittel zum Zweck des Auslebens ihres neuerworbenen Vitalitätsüberschusses. So leuchtet das Buch von der „roten Nelke“ (dem Kampfpreis im Wettbewerb um das begehrte Mädchen) in die Gründe, die zum Zusammenbruch der italienischen Variante des totalitären Systems führten.

Vittorinis Erzählkunst hat in diesem Roman noch nicht den Glanz und die Spannkraft seiner späteren großen Bücher, wohl aber den klaren Blick und die Präzision des unbestechlichen Zeitkritikers. I. H.