Von Richard Tüngel

Zagreb, Ende Oktober

Es war ein guter Gedanke, Zagreb zum Tagungsort der Konferenz zu wählen, zu der das jugoslawische „Nationale Kommitee zur Verteidigung des Friedens“ die Freiheits- und Friedenskämpfer aus vierzehn Ländern eingeladen hatte. Die alte, jetzt ein wenig verfallene Stadt hat mit ihren Barockbauten noch viel vom österreichischen Charme bewahrt. Und aus der Geschichte dieser Stadt, die lange in zwei feindliche Hälften geteilt war, hätten die Teilnehmer der Konferenz viel lernen können. Aber sie waren nicht zum Lernen gekommen, sondern um ihre Ansicht zu verkünden und ihr eigenes Weltbild anderen aufzureden.

So begann denn auch die Friedenskonferenz sogleich mit einem erbitterten Streit. Schon bei der Diskussion über die Wahl des Präsidiums erklärte ein Franzose, es gehe nicht an, daß die Vertreter der französischen Kolonie eigene Vorschläge einbrachten; sie müßten mit der französischen Delegation stimmen. Erregt erhob sich da der Delegierte Marokkos, Ahmed Alaoui, ein Vertreter der nationalistischen Unabhängigkeitsbewegung der nordafrikanischen Muselmanen. Mit wohlklingender, tiefer und doch sanfter Stimme, mit großer Suada, großen Gesten und rapidem Sprechtempo erklärte er – gleich auch im Namen aller Kolonialvölker – der Kolonialismus sei veraltet und liege im Sterben. Es gebe nur ein Ziel für die unterdrückten Völker: das sei die Freiheit, ganz gleich, wie man sie erreiche, ob mit oder gegen Moskau, ob auf dem demokratischen oder faschistischen Wege, ob mit sozialistischem oder kapitalistischem Programm. Und als ein Belgier den Zwischenruf machte, man sehe ja an dem Beispiel Ägyptens, daß eine solche „Befreiung“ zu einem neuen Feudalismus führen könne, replizierte der ägyptische Vertreter sofort erregt: nicht auf die Demokratie komme es an, sondern auf die Freiheit. Schon bildete sich eine geschlossene dunkel getönte Front, von den Indern über die Araber bis zu den Negern, und aus diesem Chor klang die Behauptung, alle unterdrückten, alle abhängigen Völker müßten jetzt und heute sofort befreit werden. Nicht darauf komme es an, daß einige vielleicht zu Fetischismus, zu Zauber- und Hexenwahn zurückkehren könnten, sondern darauf, daß sie frei seien, um über sich nach eigenem Belieben verfügen zu können, Öl auf diese Wogen goß der salomonische jugoslawische Vorschlag, man solle das Präsidium nicht aus Vertretern der Delegationen, sondern aus Persönlichkeiten zusammensetzen und ihre Auswahl der jugoslawischen Delegation überlassen, was allgemeine Zustimmung fand. Beruhigend wirkte auch die melancholische Anmerkung des Griechen Agryropoulos, es sei sehr schwer festzustellen, welche Völker eigentlich unabhängig und welche abhängig seien. Die Griechen jedenfalls gehörten zu den abhängigen Völkern, den dependent peoples, womit er nicht nur auf Englands griechische Kolonie Cypern, sondern auch auf die Abhängigkeit der griechischen Wirtschaft von der amerikanischen Handelsmission anspielte.

Die armen Amerikaner! Sie bekamen überhaupt einiges zu hören als Dank dafür, daß sie sich so sehr bemühen, den Völkern der Welt zu helfen. Es war noch harmlos, daß ein Franzose sagte, er weigere sich, daran zu glauben, daß es zwischen Coca-Cola und Konzentrationslagern eine dritte Möglichkeit gebe. Schärfer drückte sich der Holländer Fritz Kief aus, der sagte: jedermann wisse, daß die Amerikaner nur deshalb aufrüsteten, weil sie einer Wirtschaftskrise entgehen wollten. Aber den Vogel schoß Madame Edith Thomas ab, eine Vertreterin der französischen Resistance. Nachdem sie der Roten Armee ihren Dank dafür ausgesprochen hatte, daß sie sie aus dem Konzentrationslager befreit habe, erklärte sie, es verletze ihren Patriotismus, daß amerikanische Filme den französischen Geschmack verdürben und daß der Boden Frankreichs von amerikanischen Truppen besetzt sei. Da riß endlich auch den Amerikanern, die sich sonst sehr zurückhielten, die Geduld. Sie solle es mit den amerikanischen Filmen machen, so erwiderte ihr einer von ihnen, wie er und seine Freunde: sie gingen nicht hin. Und was den Boden Frankreichs angehe, so erfahre er heute nur noch eine Okkupation: durch die Gräber nämlich, in denen junge Amerikaner lägen, die herübergekommen seien, Frankreich zu befreien.

Aberglaube und Platitüden

Es ist das Nützliche an einer solchen Friedenskonferenz, daß in ihr nicht nur der politische Glaube, sondern auch – und zwar in vielen Schattierungen – der politische Aberglaube zum Ausdruck kommt, der die Völker bewegt. So soll man sich denn auch die vielen Platitüden getrost anhören. Und so soll man über den vielen Wiederholungen, die man bereits auf anderen Kongressen als Wiederholungen von früheren Kongressen gehört hat, nicht die Geduld verlieren.