Von Walther Schneider

Friedells großartiges Kulturgeschichtswerk erwuchs aus einer sehr besonderen, unnachahmbaren Lebensführung, von der hier der Verwalter des Friedellschen Nachlasses erzählt. Walther Schneider hat soeben einen Band unveröffentlichter heiterer Essays unter dem Titel „Ist die Erde bewohnt?“ zusammengestellt.

Ein großer Schreibtisch in der Mitte des Zimmers, auf dem jeder Gegenstand in peinlicher Übersicht seinen angewiesenen Platz hatte. Zwei oder drei aufgeschlagene Bücher, in die mit zierlicher kleiner Schrift Marginalien eingetragen waren. Neben diesem Schreibtisch auf dem Sofa, das an die Kopfseite des Tisches gerückt war, lag sehr behaglich- ein großer, beleibter Herr mit Hornbrille, Seidenschlafrock, langer Studentenpfeife, ein Manuskriptblatt in der Hand und zu seinen Füßen ein der Rasse nach schwer definierbarer Hund. So arbeitete Egon Friedell.

Schon seine Biographie war darauf angelegt, das Publikum irrezuführen. Im Gymnasium kam er nur langsam vorwärts. Erst bei der dritten Wiederholung bestand er die Reifeprüfung. Sein Universitätsstudium absolvierte er hingegen in acht Semestern, in Frankfurt am Main, wo der mutterlose Sohn von einer alten gütigen Tante betreut wurde, und in Heidelberg, wo er Schüler von Kuno Fischer war. Unmittelbar nach dem Doktorat wurde er an das damals berühmteste Wiener Kabarett „Fledermaus“ engagiert, in dem er unentwegt seinen „Panamahut“ (von dessen sprachlicher Geschliffenheit Karl Kraus so entzückt war) und selbsterfundene Anekdoten über Peter Altenberg vortrug, den Wiener Cafepoeten, als dessen Eckermann Friedell sich selbst bezeichnete. Altenberg hörte sich täglich im Zuschauerraum die in der eigenen heftigen, atemlos gepreßten Sprechweise vorgetragenen Geschichten beifallklatschend an. Friedell spielte dort auch die Titelrolle in dem Einakter „Goethe im Examen“, „einem der meistgespielten dramatischen Werke der Weltliteratur“, wie er voll Autorenstolz oft betonte, einer Art wohlgelungenem Beitrag für eine Matura-Zeitung. Dann in dem avantgardistischen „Intimen Theater“ in der Wiener Praterstraße, in dem der Journalist Felix Fischer als erster Theaterdirektor Wiens Maeterlinck und Strindberg aufführte, betätigte sich Friedell als Dramaturg und Regisseur. Um diese Zeit wurde der Dr. phil. mit den vielen unwissenschaftlichen Berufen, der Verlassen philosophischer Essays und einer im Burgiheater uraufgeführten Tragödie, in Wien „gelichtlich vereidigter Sachverständiger in Kabarettangelegenheiten“, worauf er zeit seines Lebens wie auf ein hohes Verdienst hinwies.

Als Schauspieler, zu dem er, wie er erklärte, erst verhältnismäßig spät „heranreifte“, bearleitete er den Text jeder seiner Rollen ein wenig, schrieb sie sich sozusagen an den Leib, was den Unwillen vieler Kollegen erregte. Aber es ergaben sich für ihn unter Reinhardts Regie ausgesprochene Glücksfälle an Besetzungen. So sein Cäsar in Shaws „Androklus und der Löwe“, sein ,Berühmter Mann“ in Hofmannsthals „Der Schwierige“ oder der Reporter in Werfels Juarez und Maximilian“. In einer Theatre-paré-Vorstellung des „Eingebildeten Kranken“ auf Reinhardts Salzburger Schloß Leopoldskron, in der Pallenberg mit seiner sprudelnden und raumverdrängenden Suada Hansi Niese, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen war, mit seinen Extempores niedersäbelte, erledigte Friedell, als er nachher die Bühne betrat, durch einen prasselnden Wasserfall von sich überstürzenden Stegreiftinfällen auch diesen gefürchteten Partner.

Der Reiz von Friedells Persönlichkeit beruhte im Leben wie auf der Bühne auf einer sehr gelassenen frohen Laune, die durch nichts zu beirren war und sich immer gegen falsche Würde und Feierlichkeit richtete. Friedell entstammte dem wohlhabenden Haus eines Wiener Tuchfabrikanten in Mariahilf, was ihn zu der Äußerung verblaßte, in „seinen Adern fließe Samt und Seide“. Seine trockene Anmut war spezifisch wienerisch und ebenso wienerisch war seine Virtuosität der Selbstpersiflage. Seine Beleidigungen waren unwiderstehlich. Er entwaffnete seine Gegner unmittelbar nach seinem gröbsten Angriff durch Wohlwollen. Er erschien immer als etwas weniger, als er tatsächlich war.

In seiner Nacherzählung wurden alle Begebenheiten, die kleinen des Alltags und die großen der Geschichte, greifbar plastisch, einprägsam und entzückend lächerlich, durchsichtig und interessant-aufregend und in einem höheren Sinn wirklich und wahr – zu welchem Zweck er oft die Wahrheit umkehrte. Mit schülerhaftem Fleiß erledigte er seine schriftlichen Arbeiten, aber er widmete sich auch mit ebensolcher Sorgfalt und Hingabe der Muße. Seine endlosen „Kreisgespräche“, wie er sie nannte, weil seiner Meinung nach jedes ernsthafte Gespräch im Kreis verläuft, waren nicht weniger fesselnd und inhaltreich als seine Schriften. Jedes Kapitel seiner Bücher hat er seinen Freunden vorher unzählige Male erzählt und dann fast ohne nachträgliche Korrektur in einem Zug niedergeschrieben.