Achmed Amba: Ein Mensch sieht Stalin (Rowohlt Verlag, Hamburg, 276 S., 5,80 DM).

Der Satz, daß das System nicht mit den Menschen verwechselt werden darf, das Sowjetsystem also nicht mit dem russischen Volk – dieser Satz gilt gewiß nicht zum mindesten für Stalin. Auch Stalin ist „ein Mensch“. Aber was für einer? Die ganze Vieldeutigkeit der Vokabel „Mensch“ sprüht auf, wenn man das Porträt besieht, das Achmed Amba, früher Kommandeur der Leibwache im Kreml, aus nächster Nähe von dem Diktator gezeichnet hat. Sine ira et studio, denn Amba ist ein Türke und hat auch in Moskau das Eifern nicht gelernt. Er hat den Blick des Orientalen – und dieser Blick fällt auf einen Orientalen. Nein, Stalin ist kein Europäer; das wird beim Lesen dieser sehr genauen Aufzeichnungen immer klarer. Seine Verschlagenheit, seine bärbeißige Jovialität, seine Skrupellosigkeit, ja selbst die Art, wie er seine Autorität (die mehr ist als bloß faktische Macht) spielen läßt – das alles verweist eher auf die Kalifen und Sultane als auf den europäischen Gewaltherrscher oder auch nur den russischen Autokraten (dem Lenin glich). Der rationale Apparat, dessen unbeschränkter Herr er seit einem Vierteljahrhundert ist, kann die Außenwelt über diesen archaischen Charakter um so mehr hinwegtäuschen, als er selbst ihn so vervollkommnet hat. Aber diese Perfektion setzt ja geradezu voraus, daß im innersten Punkt des Netzes ein Wesen ohne Gewissen sitzt, noch ganz naturhaft, unheimlicher in seiner Sanftmut als in seiner (seltenen) Wut. Ein Gewaltiger ohne seinesgleichen in unserer Zeit und den man – gerade nach der Lektüre dieses Porträts – leicht für einen Unwiderstehlichen halten könnte, bedächte man nicht, daß auch er sterblich ist und daß die Pflicht zum Widerstand sogar gegenüber dem gilt, was man das Schicksal nennt. Christian E. Lewalter