Von Friedrich Sieburg

Da gab es einen, der auszog, das Fürchten zu lernen. „Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich nichts verstehe“, meinte er. Aber der Vater seufzte und antwortete ihm: „Das Gruseln, das sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienend Wer wissen will, wie es weitergeht, lese bei den Brüdern Grimm nach. Viel wird er dort freilich nicht erfahren, ja, er wird über die Prüfungen, denen der Angstlehrling sich aussetzte, nur lächeln. Er hätte zu uns kommen sollen, der unerschrockene junge Mann, wir hätten ihm Dinge zeigen können, die ihm mehr Eindruck gemacht haben würden als seine läppischen Kegelkugeln aus Totenköpfen. Bei uns hätte er etwas gelernt, und er hätte obendrein noch sein Vergnügen gehabt. Denn wir leben im Dauerzustand der Katastrophe, und wenn wir uns auch vor der dunklen Wolke fürchten, die über uns hängt, so ist die Furcht doch auch mit einem heimlichen Vergnügen vermischt. Die Weltuntergangsstimmung durch scharfsinnige Analysen ins allgemeine Bewußtsein zu heben und sie gleichzeitig doch auch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute.

Niemand bricht in Tränen aus

Niemand hat das Recht, vor den Drohungen, die uns. umgeben, die Augen zu schließen. Aber selbst wenn jemand es wollte, würde es ihm kaum gelingen. Die Geschwätzigkeit der westlichen Welt sorgt schon dafür, daß jede Untergangsmöglichkeit gehörig ausgemalt wird; Wer uns von der Notwendigkeit spricht, die Flüchtlinge und die Arbeitsplätze zusammenzubringen, der ruft meistens nicht viel mehr als Gähnen hervor. Wer uns aber mit einer Schilderung unterhält, wie ein radioaktiver Sowjetnebel die Stadt New York demnächst einhüllen wird, der kann auf gespanntes Zuhören rechnen. Der Alltag der Demokratie mit seinen tristen Problemen ist langweilig, aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant. Da spitzen sich die Ohren ganz von selbst. Da entzündet sich in den Augen der Zuhörer ein ungesundes Flämmchen. „Nicht möglich: ein Stück in der Größe eines Braunkohlenbriketts genügt? Unglaublich! Die Haut zersetzt sich in wenigen Stunden? Ach bitte, erzählen Sie doch noch mehr!“ Man versichert uns, daß wir dem Untergang geweiht sind, ja, man beweist es uns. Niemand bricht in Tränen aus – von energischen Versuchen zur inneren Einkehr ganz zu schweigen –, niemand läßt einen Schrei des Protestes laut werden. Im Gegenteil, die Unterhaltung belebt sich, die Phantasie kommt in Bewegung; wo einst Paris stand, da wird eine mit Kratern übersäte Steppe sein, über die ein letzter Soldat unbekannter Nationalität unter einer schnauzenförmigen Maske dahinirrt. Es ist eine Lust unterzugehen!

Je schlechter das Gedächtnis für die wahren-Ursprünge unserer Gefährdung wird, um so stärker wird die Vorstellungskraft für das angeblich Unvermeidbare. Ist dies die einzige Möglichkeit für ein Volk, das zwischen zwei furchtbaren Gewalten hoffnungslos eingeklemmt ist? Aber die apokalyptischen Geduldspiele, von denen hier die Rede ist, sind ja nicht auf uns Deutsche beschränkt, denen das Gefühl, daß „nichts zu machen ist“, allenfalls noch nachzusehen wäre. Die ganz westliche Welt gibt sich ihnen hin und wendet viel Kunst daran, das Nichts, in das die Reise gehen soll, reichlich mit Farbe, Figuren und sonstigen Details auszustatten. Das ist der vorzügliche Gebrauch, den der Mensch der abendländischen Welt von seiner Denkfreiheit macht. Von Osten kommt nur finsteres Schweigen, und dieses Schweigen reizt uns zu immer neuer Gesprächigkeit, mit der wir uns die Nutzlosigkeit jeglicher Selbstbehauptung gegenseitig nachweisen. Ein wesentlicher Reiz unserer Zivilisation besteht in der Reichhaltigkeit der Palette, mit der wir die Menschheit malen, wie sie dem Grabe zuwankt. Man muß auch eine Sache, von der man nichts weiß, zu Ende denken können. Niemand soll uns vorwerfen, daß wir dessen nicht fähig seien. Es soll uns nicht noch einmal passieren, daß wir der entscheidenden Weltenstunde nicht gewahr werden. Wer keine Lust hat, in den Tag hineinzuleben, der versäume nicht, laut zu bekennen, daß er sich am Wendepunkt fühlt. Daß mir ja niemand zum Jüngsten Gericht zu spät kommt! Das wäre ja noch schöner.

Es ist ein tiefes Bedürfnis unseres erkrankten Bewußtseins, unsere Existenz an Epochen zu knüpfen und sie stets an kritischen Punkten zu sehen. „Das Bewußtsein des Zeitalters löst sich von jedem Stein und beschäftigt sich mit sich selbst“, sagt Karl Jaspers. In der Tat, eine schöne Beschäftigung! Wie wir auch unser Leben fühlen, wir fühlen es krisenhaft und am Wendepunkt. Wir sind überzeugt, daß wir, gerade wir, dazu da sind, ein Zeitalter abzuschließen. Wir sehen uns historisch, nicht lebendig. Hamlet dachte ähnlich, aber es machte ihm nicht das geringste Vergnügen, er empfand dabei nur „Schmach und Gram“. Welcher Teufel ritt unseren kerngesunden Goethe, am Abend der Kanonade von Valmy sein berühmtes Wort von der „neuen Epoche der Weltgeschichte“ zu sprechen, die „hier und heute“ beginne „Und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen, fügte er hinzu. Oh, er wußte schon, was den Leuten Vergnügen macht. Hätte er es bloß nicht so deutlich gesagt! Vielleicht hätten die Leute es gar nicht gemerkt. Uns kann man freilich nicht mehr täuschen. Das fehlte auch noch, daß wir nicht dabei wären. Niemand soll uns um unsere Krise bringen, wir halben ein Recht auf sie. Ohne Krise macht das ganze Leben kein Vergnügen. Wenn wir schon mit unserem Dasein nichts Rechtes mehr anzufangen wissen, dann wollen wir wenigstens am Ende einer weltgeschichtlichen Periode stehen. Richtig zu leben ist schwer, aber zum Untergang reicht es allemal.

Es ist unglaublich, was man mit einem gut gepflegten Katastrophengefühl alles anfangen kann. Man kann aus ihm viel billige Münze schlagen, die dann als Wechselgeld in allen Bereichen des täglichen Lebens umläuft, bis es schließlich sogar eine „Krise der deutschen Leichtathletik“ gibt. Die schrecklichen, aber natürlichen Wirkungen unseres Zusammenbruches und das nicht minder natürliche Auf und Ab jeder Entwicklung erhalten auf diese Weise etwas Endgültiges. Man soll aber nicht für jede Absatzstockung das Schicksal bemühen. Die Teilnehmer am Bundestag des Fach Verbandes der Handballer wurden aufgefordert, „alle Spannungen und Sonderwünsche der Größe dieser schicksalhaften Aufgabe zu opfern“. Ich habe keine Ahnung, worin die Aufgabe besteht, aber die Sprache sagt mir etwas. Ich trage den Text in meiner Brieftasche, dicht am Herzen, und ich hole ihn jedesmal hervor, wenn ich in mir die Neigung sich regen fühle, die Dinge zu leicht zu nehmen. Wir stehen ja alle unaufhörlich vor Entscheidungen, die Handballer machen davon keine Ausnahme. Man versteht gar nicht, wie frühere Geschlechter dahingelebt haben, obwohl es doch auch ihnen nicht an Katastrophen fehlte.