So mühevoll die Wahlmänner über die Kandidaten für die Richterposten des Bundesverfassungsgerichts verhandelten – über den zum Präsidenten vorgeschlagenen Höpker-Aschoff waren sie sich schnell einig. Auch die Opposition stimmte seiner Wahl zu. Nur die Hyper-Föderalisten konnten sich lange nicht bequemen, einem „Zentralisten“, der dazu noch Protestant und „Preuße“ ist, ihr „Ja“ zu geben. Hätte Höpker-Aschoff nicht zuletzt noch jene Rede im Bundestag gehalten, in der er die Vorteile einer Bundesfinanzverwaltung auseinandersetzte, dann hätte er vielleicht dies föderalistische Mißtrauen zum Schweigen gebracht. Aber um die psychologischen Auswirkungen seiner Worte hat sich Höpker-Aschoff nie gekümmert, wenn es ihm auf grundsätzliche Klärung ankam. Ihm war die Sache wichtiger als der Effekt. Er spricht ohne Pathos, ohne rhetorische Eitelkeit und ist doch ob der entschleiernden Logik seiner Rede gefürchtet, auch in seiner eigenen Fraktion. So hat er beim Streit der Meinungen in der FDP-Fraktion eine korrigierende Funktion ausgeübt, die wohl mit gleicher Autorität kein anderer übernehmen kann. Deshalb sahen ihn viele seiner Fraktionskollegen nur ungern aus Bonn scheiden.

Für das Amt des Vorsitzenden im Bundestagsausschuß für Finanz- und Steuerfragen hatte er seine Erfahrungen als preußischer Finanzminister und seine gründlichen wissenschaftlichen Kenntnisse auf finanz- und währungstheoretischem Gebiet mitgebracht. Daß er den Vorsitz des Ausschusses nicht in der Manier eines trockenen Juristen führte, für den ihn manche halten, sondem daß er seine Partner auch mit Humor zu entwaffnen und zu gewinnen verstand, dafür gibt. es manches Beispiel. So wurde einmal im Ausschuß lange darüber debattiert, ob – so lautete wohl der Satz: die Verwaltung auf die neu geschaffene Bundesmonopolverwaltung „überführt“ oder „übergeführt“ werden solle. Die Mehrheit des Ausschusses war für „übergeführt“, Höpker-Aschoff für „überführt“. Am nächsten Tag schrieb er an Harald Koch von der SPD, der auch für „übergeführt“ gewesen war, er sei zwar durch die Aussprache „übergeredet“, aber nicht „übergezeugt“ worden.

Wer aus politischem Erlebnis um die Gefahren weiß, die unserer Demokratie drohen, wird dankbar dafür sein, daß ein Mann mit so hohem Respekt vor der Idee des demokratischen Staates an der Spitze des Gerichtes steht, das über die – Verfassungsmäßigkeit der Gesetze zu wachen hat. Von Höpker-Aschoff darf man erwarten, daß er auch in Zeiten einer politischen Versuchung unbeirrbar bliebe. Man erinnert sich sehr wohl, daß damals, als das preußische Kabinett, gedrängt von den Koalitionsparteien, im Jahre 1931 die Zurücknahme der Sparnotverordnungen verlangte, Höpker-Aschoff lieber vom Posten des Finanzministers zurücktrat, als daß er sich dem Druck beugte. Und als er vom preußischen Landtag sechs Jahre vorher zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, hatte er die Wahl mit dem Bemerken abgelehnt, daß in einer Koalition nicht die schwächste Partei den Ministerpräsidenten stellen dürfe. Die Spielregeln der Demokratie galten ihm mehr als eine persönliche Chance, die sich ihm überraschend geboten hatte.

Seine Tätigkeit als Richter liegt weit zurück. Schon vor dem ersten Weltkrieg war er, der 1883 in Herford geboren wurde, Landrichter in Bochum; Später war er Oberlandesgerichtsrat in Hamm. Die weiteren Lebensstationen: 1921 Wahl, in den preußischen Landtag, 1925 Übernahme des preußischen Finanzministeriums, 1931 Rücktritt und Übernahme des stellvertretenden Vorsitzes im Aufsichtsrat der Dresdner Bank, von dem ihn die Nazis vertrieben. Dann, in der erzwungenen Muße, schrieb er ein Buch „Unser Weg durch die Zeit“, Gedanken und Betrachtungen über die Gemeinschaft, das von den Nazis schon drei Monate nach seinem Erscheinen verboten wurde. Nach dem Zusammenbruch wurde er Generalreferent für Finanzen in der westfälischen Provinzialverwaltung, Honorarprofessor in Münster, wo er Finanzwissenschaft las, später Mitglied des Parlamentarischen Rates. Nun verlegte er seine Vorlesungen nach Bonn, die er dort auch als Abgeordneter fortsetzte.

Es ist eines der höchsten Ämter des Staates, das er in Karlsruhe antrat. Und doch erzählt man sich, daß er eigentlich lieber Hochschullehrer geblieben wäre und daß es ihn dränge, ein Buch über Probleme, der modernen Geldpolitik zu Ende zu schreiben. Einst hätte er wohl gern das Amt des Bundesfinanzministers übernommen. Das hat aber damals die Koalitionsgeometrie verhindert.

Die ersten Klagen, über die das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden hatte, betrafen die Abstimmungsgesetze über den Südweststaat. Das Urteil wurde nicht von seinem Senat, sondern dem zweiten gefällt, an dessen Spitze Vizepräsident Katz steht. Danach wird spätestens am 16. Dezember die Abstimmung über den Südwest- – Staat stattfinden müssen, an deren positivem Ergebnis kaum zu zweifeln ist. Robert Strobel