In einem kleinen Kreis wurde eines Tages über einen Taugenichts heftig hergezogen. Niemand ließ an ihm etwas Gutes. Allein eine liebenswürdige alte Dame, immer bereit auch an bösen Menschen gute Seiten zu sehen, wandte schließlich zu seiner Verteidigung ein: „Ihr habt vielleicht recht, aber immerhin hat er ein so schönes Klavier!“ Nun ist ein neuer Willi-Forst-Film angelaufen: „Es geschehen noch Wunder“. Bereit etwas Lobenswertes an ihm zu finden nach der schlimmen „Sünderin“, möchte man einwenden: die Chargen spielten großartig und Kameramann und Beleuchter taten ihr Bestes! Ach, wären sie von dem Regisseur Willi Forst entdeckt, man müßte es ihm danken. Aber sie waren schon immer gut und sind es heute dennoch: Theodor Danneger als Diener, Lotte Klein, scharf pointierend, als Hamburger Konsuln und Sepp Nigg, ein Wirt, dessen gutes Gesicht mit den klugen Augen die Unschuld und Wahrhaftigkeit ausstrahlt, die dieser Film und seine Hauptdarsteller Hildegard Knef und Willi Forst ganz und gar vermissen lassen. Die Knef, in den ersten Nachkriegsfilmen der überzeugende Typ eines jungen Mädchens unserer Tage, ist von Willi Forst für ein neues Rollenfach entdeckt worden. Ihr Gesicht hat seitdem die Ausdruckskraft verloren und ist zu einer venschminkten Maske erstarrt. Ihre Gesten aber, wie die ihres Partners, dieses „bei ami“ mit faltenreichem Mienenspiel, sind ein bißchen sehr leer, geziert, maniriert.

„Es geschehen noch Wunder“? Der deutsche Film hätte es so dringend nötig. Warum also hat die kleine Geschichte von zwei liebenden Menschen, die durch eine nur für sie hörbare Melodie zusammengeführt werden, nicht ein hübsches unterhaltendes Filmmärchen werden können? Forst weiß viele Mittel. Er ist diesmal sein keck, er ist charmant, beschwingt, er ist ironisch, witzig, frech. Er kennt aber Wiederum seine Grenzen nicht und nicht die Grenzen des guten Geschmacks, Er läßt zwischen Nichtigkeiten Kanonen auffahren! Er bringt es fertig, zwischen Jazz und Chopin über den „Hochmut der Ernsthaften“ leichthin zu parlieren und ganz nebenbei Bach, Mozart und Bernhard Shaw zu bemühen. Seiner Definition vom Wunder als einem „Ereignis, das Glauben schafft“, läßt er die Verulkung einer katholischen Krankenschwester folgen. Er witzelt leichthin über Ehe und Freundschaft. Vill er zerstören? Will er sich vor der musikalischen Fachwelt blamieren? Nein, er will erheitern und „Menschheitsbeglücker sein“, laut eigener Aussage. So schließt denn sein Film mit pathetischen Worten in Leuchtschrift: Wenn auch nur zwei Menschen. durch diesen Film zusammenfanden, so hat er seinen Sinn! Dabei sitzt an diesem Filmende Hildegard Knef mit schiefem schickem Witwenhütchen als Komponistenwitwe im Konzertsaal vor einem Publikum, dem man vorlog, man spiele die Symphonie ihres toten Mannes, während er (Willi Forst) tatsächlich unter anderem Namen neben ihr sitzt und mit ihr flüstert. So zielt Forst in einer giftigen Mischung von rührendem Kitsch und überspitzter Ironie auf sein Publikum, aber es folgen viele nur noch mit Widerstreben. Und wenn Hildegard noch im Glücksüberschwang auszurufen hat: „Ich bin ja so verkitscht“, reagieren die Zuschauer mit brausender Zustimmung. Erika Müller