Der verrutschte Leitartikel in der Herald Tribune

Von Paul Bourdin

Die Leser der New York Herald Tribüne mögen gestutzt haben, als sie am Donnerstag ihr Blatt zur Hand nahmen. Die ihnen seit Jahrzehnten vertraute Zeitung sah plötzlich ganz anders aus. Auf der ersten Seite, auf der sie nur Nachrichten zu finden gewohnt waren, prangte ein Leitartikel. Er war von der vierten Seite nach vorne gerutscht und hatte sich dort gleich über zwei Spalten breitgemacht, was einen weiteren Verstoß gegen die Überlieferung des Blattes darstellte. Damit dürfte die amerikanische Zeitung das eine wenigstens erreicht haben, daß jeder den Aufsatz las, was bei Leitartikeln wohl auch in den Vereinigten Staaten nicht immer der Fall ist.

Aber der verrutschte Leitartikel war nicht nur ein journalistisches Ereignis, er stellte eine politische Aktion dar. Denn unter dem Titel „Die Zeit und der Mann“ lancierte die New York Herold Tribune die Kandidatur Eisenhowers für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. Das republikanische Blatt kündigte an, es werde, dafür arbeiten, daß der General von der Republikanischen Partei – zu ihrem Kandidaten ernannt und von dem amerikanischen Volk zu seinem Präsidenten gewählt werde.

Der Vorgang ist in jeder Beziehung ungewöhnlich. Es ist zwar nicht das erstemal, daß in einer amerikanischen Zeitung der Wunsch ausgesprochen wird, Eisenhower möge für die Präsidentschaftswahlen kandidieren. Hier aber stellt sich ihm eine Zeitung als Organ für seine Wahlkampagne zur Verfügung – dabei hat er selbst noch mit keinem Wort zu erkennen gegeben, ob er überhaupt bereit ist, zu kandidieren, geschweige denn, für welche Partei. Auch die Republikanische Partei, für die die New York Herald Tribüne Eisenhower mit Beschlag belegt, hat sich bisher nicht an ihn gewandt noch überhaupt geäußert. Im Gegenteil, die Republikaner verfügen bereits über einen Kandidaten; wenigstens hat sich ihnen der republikanische Senator Taft von sich aus eine Woche vor der Aktion der New York Herald Tribune zur Verfügung gestellt. Sie hat also zwei Kandidaten, immer vorausgesetzt, daß Eisenhower einwilligt, während die Demokraten noch keinen haben und nicht einmal wissen, ob Truman selbst sich noch einmal in die Wahlschlacht stürzen oder lieber einen anderen demokratischen Kandidaten stützen will. Denn der Präsident hüllt sich ebenso in Schweigen wie Eisenhower.

Diese verzwickte Lage erklärt sich zum Teil durch die Wahlstrategie der Parteien, aber nur zum Teil. Mit seiner Ankündigung hat Taft einer Kandidatur Eisenhowers für die Republikaner zuvorkommen wollen; doch hat er damit zugleich die Stellung seiner Batterien vorzeitig enthüllt und die Gegenaktion der New York Herald Tribune hervorgerufen. Dies könnte nun wiederum eine Reaktion des Generals MacArthur nach sich ziehen: der ist zwar Mitglied der Republikanischen Partei, aber ein Gegner Eisenhowers, so daß Taft auf MacArthurs Unterstützung hofft. Bisher ist sie jedoch ausgeblieben; es bleibt die Möglichkeit, daß MacArthur selbst kandidieren wird, womit die Republikaner dann drei Kandidaten hätten.

So hat der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten bereits ein Jahr vor den Wahlen begonnen. Zwar ist es zunächst nur der Wettkampf um die Kandidatur innerhalb der Republikanischen Partei, aber er wird unter größter Teilnahme der öffentlichen Meinung geführt, obwohl die Kongresse der Parteien erst in acht Monaten zusammentreten, um ihren offiziellen Kandidaten zu nominieren und damit das Signal zum eigentlichen Wahlkampf zu geben.