Von H. Prinz zu Löwenstein

Meran, Ende Oktober In Prag“, so erzählte mir eine südtirolische Freundin, die lange als Angehörige der deutschen Minderheit in Böhmen gelebt hatte, „da habe ich selber gesehen, wie ein tschechischer Soldat einem vierjährigen Kinde den Schädel einschlug und es dann in die Moldau warf, nur weil es auf deutsch um Brot gefleht hatte. An den Bäumen und Straßenlaternen hingen gefolterte Deutsche. Andere krümmten sich sterbend auf dem Pflaster, und niemand durfte ihnen beistehen. Mit diesen Bildern in der Erinnerung kam ich in meine tirolische Heimat zurück. Das war dann wie ein Traum...“

Unter allen deutschen Minderheiten, wo immer sie in Europa heute noch existieren, ist die südtirolische sicherlich die freieste. Zum mindesten, wenn man ihre jetzige Rechtslage mit der zur Zeit des Faschismus vergleicht! Auch damals war ich oft in Südtirol und so stellt dieser Besuch für mich den geborenen Tiroler, einen geradezu erstaunlichen Szenenwechsel dar.

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„Welschtirol“ beginnt südlich der Salurner Klause. Aber, wie an so vielen anderen Stellen, hatten sich die Sieger des ersten Weltkriegs auch hier nicht um das von ihnen verkündete nationale Selbstbestimmungsrecht gekümmert. Gleich nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns ist Tirol bis zum Brenner von italienischen Truppen besetzt worden. Und in St. Germain hat Österreich, entgegen dem Willen der Bevölkerung, ganz Südtirol an Italien abtreten müssen. Kaum war Mussolini auf Rom marschiert, da kam es in der Behandlung der Südtiroler zu einer schlimmen Wendung. Selbst der Name „Tirol“ wurde verboten. Von nun an hieß es Alto Adige. Von nun an gab es kein Meran, kein Bozen, kein Brixen, kein Franzensfeste mehr. Sogar aus der Inschrift auf dem Andreas-Hofer-Denkmal in Meran wurde das Wort „tiroler“, das vor „Freiheit“ stand, herausgebrochen. Er selbst, der Sandwirt von Passeier, wurde in den Schulbüchern zu einen grande patriota Alto-Adigiano ... Und da nun einmal die völlige Eindeutschung auf dem

Im südtirolischen Provinziallandtag ist das deutsch-italienische Verhältnis dreizehn zu sieben. Gewiß eine deutsche Mehrheit, aber keine allzu starke. Man darf sich nämlich über einige Tatsachen nicht hinwegtäuschen: Bozen ist heute zu fast drei Viertel eine italienische Stadt, Meran ist zu einem guten Drittel italienisch. Nicht umsonst ist unter dem Faschismus der Bevölkerungschub, zum Teil aus dem tiefsten Süden, aus den ärmsten Gegenden Kalabriens und Apuliens, auf Kosten der Deutschsüdtiroler bewußt und brutal betrieben worden. Heute – und hier beginnen die aktuellen Beschwerden der Südtiroler – erfolgt die Auslaugung. des Deutschtums immer noch, wenngleich mit sanfteren, Mitteln. Der Verlust jener schon erwähnten 70 000 Abwanderer ist auch kaum mehr gutzumachen.

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